Auf Oxytocin-Entzug: Mein Abstill-Tagebuch

Vorausgeschickt: Mein Abstillen war eine Ratzfatz-Entscheidung aus medizinischer Notwendigkeit. Diese Notwendigkeit brachte nicht nur das Ende der Milchzeit mit, sondern auch körperliche Einschränkungen, wegen denen ich Fips zwei Wochen lang weder heben, noch wirklich kuscheln durfte/konnte. Sprich: Von 100% Mama auf gefühlt irgendwie gar nichts. BÄM. Deal with it. Und wir haben es hingekriegt, aber puh.

Tag Zero: Der Abschied

Die letzten 24 Stunden Stillzeit habe ich sehr bewusst genossen. Nachdem Fips die Tage davor noch mehr an die Brust gehopst war als sonst, habe ich nun bei jedem Anlegen wiederholt, dass die Milch bald weg ist und wir es uns jetzt noch einmal gemütlich machen. Uns beiden habe ich es erklärt. Manchmal musste ich dabei Tränen runterwürgen, und manchmal haben wir eine wilde Schweinemilchparty gefeiert, lachend und voller Freude. „… ‚meckt gut“, hat Fips noch einmal gesagt. “ Lecker. ‚weinchen mag auch Milch.“ Dann wurde auch das Kuschelschwein gestillt, und mein Herz floss über bei jedem letzten Mal.

Bei jedem? Nein, tatsächlich nicht ganz. Als Fips abends beim Einschlafritual wieder knapp zwei Stunden an- und abdockte, wisperte ein Stimmchen in mir, dass ich mir diesen Wundwerd-Marathon bald nicht mehr geben müsste. Und ein klein wenig froh und frei war mir zumute.

Tag 1: Das letzte Mal

Das letzte Mal stillen wir am Freitagmorgen, dem 14.06. um 6.30 Uhr. Ja, ich schreibe es ganz genau auf, weil hier eine Ära unwiederbringlich endet. Nach dem absoluten Eins-Sein während der Schwangerschaft und der magischen Verbindung der ersten 12 Monate endet nun die Nähe der Stillzeit. Kein „Milch t’inke“, keine Wochenendschmusestunden Haut an Haut, kein sattes Schmatzen auf dem Weg ins Reich der Träume, keine Badezimmermilch am Morgen, kein Seelenfriedenfinden mehr an mir. Nicht mehr so; nie mehr.

Ich bin froh, dass der Fipspapa bei diesem letzten Stillen ins Zimmer kommt bevor ich Fips in Tränen ersäufe. Und dass Fips bei diesem letzten Mal von allein loslässt. Doch es kostet verdammt viel Kraft, bei den nächsten Bitten um Milch mit lockerflockiger Stimme zu sagen: „Die Milch ist weg. Möchtest du Wasser trinken?“ Fips hat geschaut, gestaunt, aber akzeptiert.

Danach muss ich weg von zuhause und verbringe die Nacht auswärts – die erste Nacht ohne Fips. Und da meine Brust gewohnt ist, erst gegen Abend wieder zu stillen, übersteht sie den ersten Tag problemlos (zumal mein Körper mit anderen Dingen zu kämpfen hat). Von zuhause kommen ebenfalls gute Nachrichten: Fips ist guter Laune und vermisst weder mich, noch die Milch.

Tag 2: Die Steine rollen

Ich wache mit zwei Atombrüsten auf. Knallvoll, aber zum Glück kooperativ. Ausstreichen und Massage verhindern harte Stellen, dafür wird die gesamte Brust zunehmend betonfest und schmerzt. Beinahe jede Stunde streiche ich ein paar Tropfen oder Milliliter ab, um den Druck zu mildern und die Produktion gleichzeitig nicht zu sehr anzuregen. Weitere Maßnahmen:

  • 3-4 Tassen Salbeitee aus der Apotheke (MInztee und Zitronensaft als Alternativen sind zwar leckerer, aber helfen laut Fachfrau wohl gar nichts, wenn es darum geht, die Milchdrüsen stillzulegen)
  • Kühl-Pads
  • ein flach anliegender Sport-BH

Am Nachmittag komme ich zurück nach Hause. Nach dem Mittagsschläfchen „riecht“ mich Fips, bevor wir uns sehen: „Mama da!“ Dass ich mich nicht recht bewegen, nicht heben, nicht kuscheln kann, führt zu Protest, aber es wird akzeptiert. Es wird akzeptiert, dass auf den Wunsch nach Milch wieder nur die Erklärung samt Wasserfläschchen folgt. Und das nimmt mir die größter Sorge: Denn ich hatte befürchtet, dass Fips tobend an meinem Shirt zerren und hysterisch nach der Brust verlangen würde. Aber nichts davon geschieht.

Erst abends, als die Müdigkeit und (ohne Milch-Snack) auch der Hunger kommen, schmeißt Fips sich ein, zwei Mal verzweifelt zu Boden: „Mamaaaaaa!!! Nein! Neiiiiiin!!!“

Ich ziehe mein verzweifeltes Kind in die Arme und heule mit. Ich kann nicht anders. Aber wir bleiben dabei: Keine Milch, aber wir können kuscheln. Ich habe dich genauso lieb wie vorher. Es geht vorbei. Und nach wenigen Minuten beruhigt sich Fips, findet Ablenkungen und löst sich von mir.

Abends ist meine Brust aus Stein und schmerzt wie die Hölle. Ich habe große Angst vor einem Milchstau und überhaupt wüten in mir die Emotionen. Ich vermisse meine Kind so sehr, unsere Nähe, unsere gemeinsamen Stunden, die in der aktuellen Situation auf flüchtige Minuten und magere Momente zusammenschmelzen.

Umso dankbarer bin ich, dass eine meiner Insta-Oktobermamas diesen Weg mit mir geht: Die liebe Hannah Liese vom Familienkosmos Berlin (merkt euch diesen Namen, Berlinerinnen!) hat gerade ihre Ausbildung als Stillberaterin abgeschlossen und steht mir in diesen Tagen mit aufmunternden Nachrichten und vielen Tipps bei. Wenn ich meinen Herzmüll nicht rund um die Uhr bei ihr hätte abladen dürfen, wäre ich um den Milchstau vermutlich doppelt nicht herumgekommen. Denn Durchhalten kann ich nur für Fips – damit das Drama nur einmal stattfindet.

Tag 3: Durchhalten

In der Nacht höre ich Fips zwei Mal lauthals weinen. Aber der Fipspapa tröstet und gibt Geborgenheit. Und hey! Es sind nur zwei statt der üblichen 4-8 Wachwerd-Momente!! Das ist doch ein gutes Zeichen!

Meiner Brust geht es dagegen mittelmäßig. Mithilfe Hannahs professioneller Melktechnik-Methode (sorry, aber so muss man diesen festen Griff nennen) habe ich ein wenig mehr Milch abgelassen. Heute ist die Brust an sich zwar weicher und ich streiche auch nur noch alle paar Stunden ab, aber das Gewebe unter der Haut ist extrem empfindlich und schmerzt stark. Mein Heilmittel:

  • Quarkwickel: 500 Gramm Magerquark auf zwei Mulltücher verteilt (die Brustwarze aussparen) und auf die Brust auflegen, bis der Quark nicht mehr kühlt.

Damit schließt sich ein weiterer Kreis: Denn meinen letzten und ersten Quarkwickel hatte ich beim Milcheinschuss. Und wie auch damals wird die Brust erst fest und dann scheint sich alles neu zu sortieren. Ab sofort muss ich seltener und weniger Milch abstreichen.

Tag 4: Herzschmerz

Meine Mutter bemerkt, dass Fips mit dem Abstillen viel besser zurecht kommt als ich. Es stimmt. Fips fragt kaum noch nach Milch, akzeptiert Wasser als Trinkalternative und sucht auch sonst immer weniger Kontakt mit mir. Klar, ich kann weder tragen, noch kann ich sonst irgendwas so richtig. Also wählt Fips den Sprung in die Selbstständigkeit, kontaktiert andere Bezugspersonen einschließlich Papa und sagt zum ersten Mal Pipi an, dass dann auch ordnungsgemäß im schnell herbeigeschafften Töpfchen landet.

All das macht das Ganze leichter. Einerseits. Denn andererseits bin ich nun gefühlt zur Randfigur geworden, austauschbar und nutzlos. Ich kann nicht stillen und nicht tragen. Ich kann nichts geben und es wird auch nichts mehr verlangt. Hormone und Fragen quälen mich: Bin ich süchtig nach der Mittelpunktrolle, die ich die letzten 20 Monate eingenommen habe? Klammere ich? Will ich mein Kind lieber kleinhalten als selbstständig sehen? Was bin ich, wenn ich als Mutter nicht mehr gebraucht werde? Selbstvorwürfe und Trauer machen mich klein und wund. Ich weine viel und wieder rettet mich immer wieder Hannah: Wenn sie meinen Kummer schon nicht verschwinden lassen kann, hört sie mir doch zu.

Tag 5: Auf und Ab

„Du bist viel mehr als Stillen und Tragen“, sagt der Fipspapa. „Du denkst doch nicht, dass Fips all die tollen Sachen von mir kann? Oder dass alles so gut klappt, weil ich so ein toller Erzieher bin? Das bist alles du!“ Für einen Moment tröstet mich das. Ich vermisse mein Kind, ich vermisse unsere gemeinsame Zeit unbeschreiblich, aber ich habe mein Bestes gegeben. Im wahrsten Sinne.

Die Nächte bleiben ruhig. Ein, zwei Mal weint Fips auf, aber inzwischen ist der Tonfall nicht mehr dringlich. Manchmal blitzt Verzweiflung auf, aber die lindere nicht ich, sondern der Fipspapa. Und entsprechend wird Fips zum Papakind. Ich sehe mit Liebe wie die beiden sich aneinanderschmiegen, und doch tut es weh.

Tag 6: Bring MY BABY back to me

Langsam fühle ich mich körperlich besser. Die Brust ist klug. Ich muss kaum noch ausstreichen und keinen Salbeitee mehr trinken (bäh!), aber noch öfter massieren und den engen BH lüften. „Nur“ das Herz tut weh, bricht, läuft über. Ohne Ende. Ich vermisse mein Kind schrecklich. Ich wusste nicht, dass ich solche Sehnsucht spüren würde!! Plötzlich erscheinen all die Klammermonate, in denen Fips unausgesetzt an mir hing, doppelt kostbar.

Alles geht vorbei – und was werde ich sein, wenn ich keine Mama mehr bin? Wenn ich gar nicht mehr gebraucht werde? Vielleicht sind es überzogene, nutzlose und emotional überladene Gedanken. Aber sie kommen doch. Und ich kann mich nicht wehren.

Alles in mir schreit nach Rückzug. Verstecken. Alleinsein, um den Kummer zu ertragen. Doch beim Abholen von der Tagesmama hocke ich mich hin und sage „Komm kuscheln“ und Fips stürzt sich mit einem Freudenschrei in meine Arme. Den Nachmittag verbringen wir gemeinsam und Fips sucht immer wieder meine Nähe. Lehnt sich an, setzt sich auf meinen Schoß, „Mama mitkomm.“ Fips rettet mich und das Oxytocin heilt mich besser als die Einsamkeit. Wie sehr habe ich diesen kleinen Körper, diese weiche Haut, diese Vertrautheit vermisst!!!

Tag 7: Geschafft. Fast!

Nach einem weiteren gemeinsamen Nachmittag bringe ich Fips zum ersten Mal wieder ins Bett. Ohne Milch. Aber mit Singen und Rumkaspern und einer langen, (bewusst) ermüdenden Gute-Nacht-Geschichte, bei der mich Fips mit immer schwerer werdenden Augen ganz offen und direkt anschaut. Meist schweift der Blick oder richtet sich auf Bücher, Käfer, Krimskrams. Doch dieser Blick geht durch, direkt in mein Herz. Und ein klein wenig fühlt es sich an wie eine neue Nähe mit meinem großen-kleinen Kind.

Als der Schlaf sich nähert, wird Fips jammerig: Weiß nicht, wie der Kopf liegen soll, der sonst auf meine Brust gebettet wurde, und wie überhaupt gelegen werden soll. Aber wir bewältigen den aufkommenden Milchwunsch, und schließlich schläft Fips ein: Kopf an Kopf mit mir, meine Hand auf der kleinen Brust, die sich immer ruhiger hebt und senkt. Und auch ich schlafe gut in dieser Nacht. Zum ersten Mal wieder fast ohne Brustschmerzen und ruhig. Der Entzug lässt nach.

Ab Tag 8: Achterbahn, Tendenz: aufwärts

Es bleibt ein Rauf und Runter. Das Abendritual an Tag 8 ist ein furchtbarer Kampf mit einem todmüden Fips, der sich erst in Rage und dann verzweifelt in den Schlaf weint. Doch der nächste Abend ist vollkommen friedlich und wunderschön. Die erste Nacht Co-Sleeping danach ist schrecklich, weil wir beide noch nicht wissen, wie wir die Nächte jetzt gestalten sollen. Weil wir noch kein Ersatzritual gefunden haben.

Die Brust wird einseitig weich, die andere Seite steigt noch einmal voll in die Milchproduktion ein. Ich bin erschöpft. Aber ich trinke mein erstes Bier seit zweieinhalb Jahren (weiterhin verzichtbar) und esse so viel Erdbeeren und Kiwi wie ich mag (höchst erfreulich).

Fips sagt immer öfter Pipi an und wartet mit dem Lospieseln, bis die Klobrille unterm Po ist. Und wir kuscheln-kuscheln-kuscheln: Fips kann zufrieden das Gesicht in mein sommerlich (un)bekleidetes Dekolleté pressen und genießt das, ohne mit einem Wort nach Milch zu fragen. Und abends heißt es: „Mama hinlege. Mama kussel!“ Was ich unfassbar genieße.

Und so ist es wie die Tagesmama prophezeite: Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine Neue.

Nachgeschickt: Beim zweiten Kind würde ich es anders machen. Ich bereue keinen Tag als Langzeitstillmama, aber ich würde nie mehr von 100 auf 0 abstillen. Stattdessen würde ich es ausschleichen lassen, morgens und abends stillen, und dem Papa die Nächte überlassen. Und vor allem würde ich einen Moment wählen, in dem ich körperlich zu 100% einsatz- und liebensfähig wäre. Denn den kalten Entzug möchte ich nie mehr erleben ❤

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