Wie das Muttersein mein Leben verändert

Mit dieser Überlegung beschäftige ich mich schon länger. Vor allem dann, wenn ich auf Insta mal wieder einer Hyper-Mutti entfolge, weil mein Alltag angesichts ihres blankpolierten Kinderüberglücks nicht bestehen kann.

Alles ändert sich, sage ich denen, die wissen wollen, wie das Mutter-Leben so ist. Alles ändert sich, alles steht Kopf und man bekommt viel geschenkt. Aber was hat sich bei mir, in mir, wirklich bewegt seitdem ich ein Kind habe?

Gewohnheiten ändern sich

Das Essen auf meinem Teller ist keine Tabuzone mehr: Ich teile jetzt, und das sogar gern. Den Nachwuchs füttern macht viel mehr Spaß als Selberessen – auch wenn es das allerletzte Stückchen Lieblingswurst ist! Und ich lasse mich nachts anatmen: Sonst darf mir kein Hauch zu nahe kommen, aber bei Fips toleriere (und liebe) ich vom Schnorchler bis zum massiven Schnarchen alles.

„Frei-Zeit“ definiert sich neu

Früher war Freizeit Nichtstun. Oder Musikhören. Oder zum Sport gehen oder lesen oder Freunde treffen oder tanzen oder… all das eben, was man allgemein hin so unter „Hobby“ fasst. Heute ist Freizeit etwas viel Kleineres – und gleichzeitig umso Großartigeres: Ein Kaffee, der nicht kalt wird, weil ich ihn ungestört trinke. Eine Dusche allein (oder einmal Pipimachen ohne Klopfen und Hosezerren). Eine Mahlzeit, bei der ich niemanden außer mir selbst füttere. Ein Gang zum Altglascontainer. Kurz: Alles, was man früher „eben mal schnell nebenbei“ erledigt hat.

Verstehen statt Verurteilen

Puh, das ist tatsächlich einer der dicksten Brocken. Und einer mit zwei Gesichtern. Denn was haben wir vor der Geburt unseres (ersten) Kindes nicht alles für großartige Prinzipien festgelegt: Niemals reinreden lassen, sicher! Holzspielzeug statt Plaste, Stoffwindel statt Pampers, natürlich! Kein Zucker, niemals! Kein Fernsehen, niemals! Konsequent sein, immer! Niemals Verantwortung abschieben, oh nein! Auf sich selbst achten, na klar! Paar bleiben, sowieso! Immer tragen, immer lieben, immer verständnisvoll sein. Glücklich sein, obendrein!

Oh, wie schön wäre es, wenn ich das alles perfekt durchhalten würde. Denn es ist ja nicht so, dass ich diese Grundsätze nicht mehr gut und richtig fände! Aber dann stürzt sich Fips auf den Quietschbunt-mit-Geräusch-Lauflernwagen statt auf das lässige Holzmodell. Und ich schmiere mir kein gesundes Mittagsbrot, sondern greife zu Schnell-irgendwas-mit-Fett-und-Zucker!!. Und abends hängen wir erschöpft auf dem Sofa und vergessen an machen Tagen, dass wir uns mal umarmen sollten. Und so weiter, und so fort.

Die Liste der Dinge, die ich früher bei anderen Müttern und Eltern mit hochgezogenen Augenbrauen verachtet habe, ist lang. Und jetzt? Jetzt kann ich 40% davon absolut nachvollziehen. Von 20% bin ich vermutlich nicht mehr weit entfernt. 40% praktiziere ich mit schmerzendem Gewissen, aber mit de Scheiß-drauf-Mut des Mutteralltags selbst. Ach, lassen wir die Prozentfuchserei: Ich kann eigentlich alles nachvollziehen. Und vieles mache ich selbst. Womit wir zu den letzten und besten Veränderungen durch das Muttersein kommen:

Geduld und zur Hölle mit der Perfektion

Ich bin nicht unbedingt der geduldigste Mensch. Vor allem Technik hat gefälligst zu funktionieren. Sofort! Und zwar ohne dass ich noch eine beknackte Bedienungsanleitung lesen oder sonst irgendwelche Regentänze aufführen muss!! Lieber putze ich die Bude und organisiere alles so, dass es sich ästhetisch und praktisch am idealen Platz befindet. Wehe, jemand bringt da was durcheinander!

… so war ich mal. Denn Fips und ich hegen sehr unterschiedliche Vorstellungen von ästhetisch ansprechend und praktisch. Wo ich die Symmetrie liebe, legt Fips mehr Wert auf Detonation. Wo ich aufräume, hinterlässt Fips eine Schneise der Zerstörung.

Aber soll ich etwas sagen? Es ist mir egal. Wo ich früher hospitalistische Anwandlungen bekommen hätte, sitze ich jetzt in aller Ruhe und schaue stundenlang dasselbe Bilderbuch an. Ich bahne mir den Weg durch Spielzeug und Haushaltsgegenstände, um mit Fips noch eine Runde Laufen zu üben. Schmerzfrei, entspannt und sogar glücklich.

Okay: Abends räume ich auf. Für ein paar Stunden ist die Spielecke symmetrisch durchorganisiert, die Bilderbücher sortiert und die Bauklötze stecken alle in ihrer Tüte, statt sich heimtückisch in unsere Fußsohlen zu bohren. Aber das ist eher eine meditative Übung, eine Tätigkeit der „Frei-Zeit“, als neurotisches Geräume.

Free Mama!

Und das ist das Beste am Muttersein: Es kann mich befreien. Es kann schrecklich und überfordernd sein, aber es befreit auch, wenn ich das Chaos, das Durcheinander, die Unsicherheit und die Sabberflecken auf dem Shirt zulasse.

Und dann unterscheide ich mich sogar gar nicht so sehr von den Hyper-Mamas: Mein Glück ist vielleicht nicht blankpoliert, nicht [sponsored by] und unser Regenbogen hat zwischendurch auch ganz schöne Dellen – aber ich bin glücklich. Nicht den ganzen Tag, aber ich bin’s. So oft. Ich muss es nur zulassen, atmen. Und nicht perfekt sein.

Bin ich einfach erwachsen geworden? Vielleicht auch das. Vielleicht ein bisschen.

8 Gedanken zu “Wie das Muttersein mein Leben verändert

  1. Vanessa schreibt:

    Ich kann es mal wieder nicht fassen, wie sehr du beschreibst wie es mir geht „Und das ist das Beste am Muttersein: Es kann mich befreien. Es kann schrecklich und überfordernd sein, aber es befreit auch, wenn ich das Chaos, das Durcheinander, die Unsicherheit und die Zahnpastaflecken auf dem Shirt zulasse.“

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  2. Annett schreibt:

    Dein Artikel trifft sowas von zu👍 Und der hätte glatt von mir sein können, denn genau so empfinde ich es auch. Muttersein ist das schönste überhaupt! Man kann sich vorher einfach nicht vorstellen, was so ein kleiner zuckersüßer Mini-Mensch mit einem macht. Und vor allem rückt man gerne von seinen Gewohnheiten ab, so sehr man sich vorher noch sicher war, dass bestimmte Dinge beim alten blieben😅 Nix da! Es ändert sich tatsächlich alles! Aber man hat es auch genau so gewollt – dieses kleine große Glück 👶❤️ Danke, dass Du es so schön in Worte fassen konntest☺️

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