Von der Mutterliebe

„Die Liebe ist ein seltsames Spiel“, behauptet ein oller Schlager von Connie Francis. Seit drei Monaten lebe ich nun tagtäglich das Abenteuer „Mama“. Mein Inneres wurde ziemlich umgekrempelt, so viel kann ich sicher sagen. Aber wie fühlt sich die sagenhafte Mutterliebe denn eigentlich an?

Mutterliebe hat ihr eigenes Tempo

Ein Blick in die Augen des Neugeborenen und man ist rettungslos verliebt. Werbung und sonstige Medien vermitteln einem gern, dass das sofort und nur so sein muss, und dass alles andere nicht richtig sei. Falsch, sage ich.

Denn im ersten Moment habe ich nur gestaunt. Und im zweiten Moment war ich bereit, alles für das kleine Wesen auf meiner Brust zu tun, aber Liebe konnte ich das noch längst nicht nennen. Es war einfach so. So, wie Dinge, die man fallen lässt, nach unten plumpsen, oder die Erde um die Sonne kreist. Da gab es kein Hinterfragen und auch keine aktive Entscheidung.

Die Schmetterlinge im Bauch kamen erst viel später, auf den dritten Blick sozusagen, nach etwa vier bis sechs Wochen. Plötzlich war ich verknallt in Fips. Ratz-fatz, bumm. Und immer, wenn ich denke, dass ich nicht mehr lieben kann, kommt noch ein bisschen mehr Ratz-fatz dazu.

Ein Geschenk aus dem Nichts

Wenn alles gut geht und nicht irgendetwas vollkommen ungeplant/schmerzhaft/furchtbar schief läuft, dann kommt mit jedem Kind ein neues Stück Liebe auf die Welt. Jedes Baby trägt diese Liebe im Marschgepäck und als Elternteil erhält man ein neues Stück Herz, um diese Liebe zu beherbergen: Mutterliebe ist unvergleichlich. Nicht mit der Liebe zu den eigenen Eltern, nicht mit der Liebe zu sich selbst und auch nicht mit der Liebe zum Partner.

Denn für dieses neue kleine Wesen würde ich einfach alles tun. Und in der Hoffnung, dass ich niemals etwas Schlimmes von Fips abwenden muss (aber auch den Weg zur Hölle würde ich gehen, wenn es sein muss, und zwar barfuß), übernehme ich im Alltag alles, was in meiner Macht steht, um ein zufriedenes Baby lachen zu sehen.

Apropos neues Herz: Früher konnte ich mir nie vorstellen, dass Eltern mehrere Kinder „gleichmäßig“ lieben könnten. Vor allem konnte ich mir nicht vorstellen, dass ein neues Baby den älteren Geschwistern von der elterlichen Liebe nichts wegnehmen würde. Ja, ich bin nach wie vor überzeugte Einzelkindmama (vielleicht schreibe ich bei Gelegenheit noch mal ein bisschen was über das Wieso und Weshalb), aber nicht (mehr) aus Gründen der Liebeaufteilung. Seitdem ich Fips lieben gelernt habe, bin ich sicher, dass der Vorrat an Mutterliebe immer wieder neu aufgefüllt wird.

Ein Lächeln lässt alles vergessen

Liebes Tagebuch, rate, wer mich heute angelächelt hat… erinnert ihr euch noch? Damals hat einem das mögliche Mundwinkelverziehen des großen Schwarms den Tag gerettet, heute ist es das zahnlose Grinsen eines Babys. Dass dieses Baby sich und seine komplette Umgebung möglicherweise gerade flächendeckend vollgekackt hat, ist irrelevant (beim großen Schwarm damals hätte zumindest das doch irgendwie ernüchternd gewirkt).

Oh, eine Frage am Rande, da wir gerade beim Thema sind: Wie kann sich ein kleines Kind mit einer bäuchleinüblichen Menge Muttermilch(!) in einer fast frischen (!!) Windel und vor allem in aufrechter Haltung (!!!) eigentlich bis zum Kragen hin vollkacken? Könnte da bitte mal die Wissenschaft einschreiten und diese Frage ein für alle mal zufriedenstellend beantworten?

Aber zurück zum Thema: Ein Lächeln lässt alles vergessen. Das ist vielleicht das Schönste an der Mutterliebe – sie macht unglaublich vergesslich. Eine schlaflose Nacht, eine Windelexplosion, ein anstrengender Schub… als Mama findet man Kraft für all das, wenn sich eine kleine Hand um den eigenen Zeigefinger schließt und ein winziges Mäulchen sich zu einem Grinsen verzieht. Babyglück ist ansteckend – und ein glückliches Baby macht eine glückliche Mama macht ein glückliches Baby. To be continued (meistens – es sei denn, ein quersitzender Pups durchbricht den Kreislauf).

Mutterliebe ist ambivalent. Und unkaputtbar.

Manchmal wünsche ich mir nichts mehr als ein paar Minuten, eine Stunde, einen halben Tag für ganz mich. Durchatmen, den vom 7-Kilo-Kind schmerzenden Rücken durchstrecken, einen Kaffee trinken, ein ungestörter Gespräch führen, tanzen gehen, stundenlang schreiben oder einfach nur daliegen und an die Decke starren. Eine Nacht ohne Unterbrechung schlafen. Einfach nur einmal sein. Oh ja. Das wäre wundervoll!

Dennoch sehne ich mich nicht nach dem Leben ohne Kind zurück. Nie. Denn der Witz ist ja: Ich will keinen Urlaub von Fips, sondern ich würde nur manchmal schrecklich gern für fünf Minuten jemand anderem die volle Verantwortung samt Milchbrust übergeben. Einmal nicht die letzte Instanz beim Weinen und Maulen sein. Aber das bin ich und das werde ich auch bleiben – zumindest solange Fips den absoluten Trost eben meiner Brustwarze entnimmt. Und bei aller Erschöpfung ist genau das eben auch wieder schön. Es ist schön, immer (meistens) helfen zu können. Denn wenn dieses Helfenkönnen nicht gegeben ist (bei ultimativen Schreiattacken zum Beispiel), leide ich als Mutter die schlimmsten Qualen.

Tja. „Sie nimmt uns alles, doch sie gibt auch viel zu viel“, singt Connie Francis. Das passt irgendwie auch zur Mutter-Kind-Beziehung. Alles, was war, wird auf den Kopf gestellt. Ein Baby nimmt einem wirklich viel: den Schlaf, die straffen Brüste, die Zeit zu zweit, den flachen Bauch, das alte Leben, die fleckenfreie Garderobe, die Freizeit, die Spontaneität, die gemütlichen Gewohnheiten… aber am Ende zählt nichts davon.

Die Mutterliebe mag ein seltsames Spiel sein und sonst bin ich definitiv kein Zocker, aber hier setze ich alles, was ich habe. Denn was ich dafür bekomme, will ich nie wieder hergeben.

 

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