5 traurige Gründe, warum fremde Mütter sich nicht angrinsen lassen

Es passiert bei jedem Spaziergang. Inzwischen mache ich fast eine Art Sport daraus: Wenn eine Mama mit Kinderwagen oder Tragetuch entgegenkommt, versuche ich, Blickkontakt aufzunehmen. Erfolgsquote bei mindestens einem täglichen Spaziergang mit durchschnittlich drei entgegenkommenden Wagen seit vier Wochen: 1. In Worten: eins. Einer. Und das war ein Vater, der vermutlich nicht wusste, wie man sich als Kinderspazierer korrekt zu verhalten hat (dieser Versager!).

Ansonsten gibt es nur zwei Reaktionsmöglichkeiten:

a) direktes Vermeiden jeglicher Blickkontaktaufnahme: Plötzlich ist die Landschaft unfassbar interessant geworden. Oder hat da etwa das Baby…? Schnell den Blick in den Kinderwagen senken!

b) so tun als ob der Gegenverkehr gar nicht da wäre: Man lässt den Blick locker schweifen, scheut auch keinen Blickkontakt – und blickt dann einfach durch das Gegenüber hindurch. Auch das Handy eignet sich auch immer gut zur Demonstration von absolutem Desinteresse.

Aber warum, warum nur tun sie das? Ich will ihnen doch nicht das Baby aus dem Wagen mopsen oder sonstwas Böses! Ich würde einfach nur gern mit einer anderen Mama unsere Kinderwagen um die Häuser schieben, hinterher vielleicht noch gemütlich einen Tee trinken und dabei über Kind und die Welt quatschen. Woher diese ungewohnte Kontaktblockade, ihr legendär aufgeschlossenen Berlinerinnen?

1. Sie möchten alberne „Mein Kind kann schon…“-Vergleiche vermeiden.

Kann ich total verstehen. Wer will sein Kind schon an fremden Maßstäben messen und wohlmöglich bewerten lassen? Also bitte. Würde ich nie machen. Ich wollte ja auch nur sagen, dass mein Fips mit acht Wochen schon selbstständig sitzt, läuft und das ABC rückwärts aufsagt. Auf Französisch! Frei-hän-dig!! Na ja. Wenn das Balg der Nichtangrinsbaren das nicht drauf hat, gäbe es vermutlich sowieso keine Basis für gemeinsame Spaziergänge.

2. Sie wollen keine wohlgemeinten (und Überflüssigen) Ratschläge.

Wie gesagt, Fips sitzt, spricht und schläft nachts 48 Stunden durch. Und natürlich habe ich das Wundermittel gegen Schreiattacken gefunden und gebe all diese guten Tipps ungefragt weiter. Sieht man mir das an? Ist es das, was man automatisch hinter rotgefärbten Haaren (mit breitem Ansatz) und eher rockigen Klamotten vermutet? Dann habe ich wohl wirklich Pech gehabt.

3. Mit einem Kind beginnt ein neues Leben.

Gestern war noch weltoffene Freizügigkeit angesagt. Ob Darkroom im Berghain oder Busenblitzen im Insomnia – die Muttis von heute waren schon überall und haben alles mitgemacht (vielleicht sogar ein bisschen mehr). Aber jetzt ist Schluss mit lustig und Firlefanz! Jetzt ist man seriös. Sich auf der Straße anquatschen lassen, geht da einfach mal gar nicht #sorrynotsorry. Man will dem Kind ja ein Vorbild sein! Nicht dass es später im Berghain oder im Insomnia… na ja, solche Sachen eben. Da muss man frühzeitig die Bremse ziehen!

4. Sie haben einfach schon genug Freunde.

Habe ich eigentlich auch. Aber die haben entweder (noch) keine Kinder und sind entsprechend wenig empfänglich für Mami-Mimimi, und/oder eher keine Tagefreizeit. Damit fallen sie als regelmäßige Mit-Spaziergänger weg. Außerdem kann man eigentlich nie genug Freunde haben… bzw. Menschen, die einem gut tun und die man gern um sich hat. Oder sehe ich das falsch?

5. Ich sehe EINFACH zuwenig gestresst aus.

Tatsächlich genieße ich den täglichen Spaziergang mit Fips. Auch bei Wind und Wetter. Ich komme raus an die frische Luft und das ist nach den letzten Wochen Schwangerschaftshüttenkoller, in denen ich nur noch rumlag wie ein gestrandeter Wal, von unschätzbarem Wert. Außerdem scheint es Fips ebenfalls zu gefallen: Besonders auf holprigen Wegen wird gemütlich geratzt.

Wenn ich dann als entgegenkommende Mama auf Stresslevel 100 wäre (manchen ist die Hoffentlich schläft es noch drei Minuten-Panik samt unruhiger Nacht ja erbarmenswert ins müde Gesicht geschrieben), würde ich den Blickkontakt mit einer blöde grinsenden Sonnenscheinmutti auch vermeiden: Man will sich bei aller Müdigkeit nicht auch noch mies fühlen müssen. Dass Fips nicht immer Sunshine pur ist, ist in dem Moment ja nicht zu ahnen.

Ich fasse also zusammen: Auf Spaziergängen mache ich einen besserwisserischen und dabei auch noch ekelhaft lebensfrohen Eindruck. Möglicherweise sollte ich ein Schild um den Hals tragen, auf dem steht: „Ich weiß es doch auch nicht! Können wir trotzdem reden?“ Vielleicht würde es helfen… denn es wäre die Wahrheit. Mütter dieser Erde, rettet mich!

28 Gedanken zu “5 traurige Gründe, warum fremde Mütter sich nicht angrinsen lassen

  1. Messelina schreibt:

    Liebe Sabine, wie schön das zu lesen, du sprichst mir ja so aus der Seele. Bin auch erst seit 10 Wochen Mama und empfinde das auch so wie du beschreibst, wie schade… Ich würde dich auf jeden Fall anlächeln und mit dir spazieren gehen.
    Liebe Grüße

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    • Sabine Wirsching schreibt:

      Eigentlich schade, dass man bei solchen Anlässen aus der Seele spricht… und wie seltsam, dass scheinbar wirklich nur Väter in der Lage sind, mal einen Blick zu tauschen. Was ist nur los mit uns Mamas? Ich sende dir jedenfalls herzliche Grüße und ein ganz breites Lächeln!!

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  2. Tina schreibt:

    Oh ja, wie wahr… sogar im so kinderreichen Prenzl Berg hab ich es ebenfalls schon oft erlebt, dass völliges Desinteresse signalisiert wird.
    Jedoch muss ich gestehen, dass auch ich Hemmungen habe eine fremde Mami anzusprechen. Es geht über ein flüchtiges, leichtes Lächeln nicht hinaus. Vllt ist es aber auch einfach Unsicherheit, da die Gefahr besteht, dass das Gegenüber gar kein Interesse an neuen Bekanntschaften hat!? How knows:) Aber schade ist es!

    LG
    Tina

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  3. Katrin schreibt:

    Ein sehr schön geschriebener „hallo ist da wer“Beitrag
    Habe das Gefühl das hat sich auch nach 10 Monaten nicht geändert also halten wir uns an die Hunde Spaziergänger 😁Die gucken immer und haben Zeit und Lust zum unterhalten und zu 98%auch Kinder und man kann sich austauschen.
    Man muss nehmen was man kriegt 😜
    Alles gute und ein liebes grinsen

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  4. undploetzlichmama schreibt:

    Hier auf dem Dorf geht es. Da Grüßen eher 2/3 zurück 😉 Wenn ich aber mal in der Stadt unterwegs bin, ist es mir auch schon aufgefallen. Vielleicht sind die Leute gerne in der Stadt anonym, ich meine diesen privat/persönlichen Abstand zu seinen Nachbarn den man auch nach Außen trägt. Außerdem begegnet man ja auch viel mehr Menschen in der Stadt?? Im Dorf treffe ich vielleicht mal 3 Leute auf dem Weg zum Supermarkt tagsüber…
    Zum Teil mag es auch sein, dass die Leute sich einigeln? Es gibt glaube ich ganz viele Frauen die erstmal nur für sich und mit der Familie sein wollen. Meine Schwiegermutter erzählte sie hat früher einfach die Frauen auf der Straße angesprochen und dann ging man mal auf einen Kaffee zusammen trinken. Das kann ich mir heutzutage kaum noch vorstellen…

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  5. Juny schreibt:

    Etwas verspätet mein Kommentar, aber auch mir spricht es aus der Seele. Mittlerweile ist mein Mäuschen schon 1 Jahr und wie bei dir schauen die anderen Muttis weg oder sind Pärchenweise unterwegs und ignorieren mich auch. Demnächst probiere ich die örtliche Krabbelgruppe zum Kontakt knüpfen aus.
    Beim Babyschwimmen die Muttis kennen sich nämlich auch schon immer von vor den Schwangerschaften und sind Pärchenweise dort. Ich habe scheinbar verpasst rechtzeitig eine Freundin anzustiften auch schwanger zu werden.

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    • Sabine Wirsching schreibt:

      Ich werde mich demnächst auch an dörflichen Krabbelgruppen und beim Babyschwimmen versuchen. Die schwangeren Freundinnen rücken erst jetzt nach (aber dafür in Scharen). Guter Tipp also für alle, die während der Baby- und Kinderjahre nicht einsam sein wollen: Tauscht die Verhütungsmittel eurer Freundinnen gegen Placebos aus!! 😀 Liebe Grüße!

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      • Kathrin G schreibt:

        Hallo ihr Beiden! Ich habe erst in 2 1/2 Wochen Termin, aber bin schon gespannt ob es hier in Kreuzberg auch so ablaufen wird…hoffentlich nicht (aber warum sollten die Frauen in 61 sich so komplett anders verhalten!? ;-))!
        Naja, falls du/ihr mal Lust auf einen gemeinsamen Spaziergang haben solltet sagt gerne Bescheid – aber, wie gesagt, ich bin etwas später dran als ihr! LG, Kathrin

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      • Sabine Wirsching schreibt:

        Liebe Kathrin, wir würden uns freuen! Melde dich gern, wenn du das Wochenbett hinter dir hast ❤ Erst mal wünsche ich dir für die letzten spannenden Tage und die Geburt alles Liebe und Gute! Genießt das Kennenlernen, liebste Grüße nach Kreuzberg – Sabine

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  6. Dank schreibt:

    Hallo Sabine,
    ich weiss nicht wie das in anderen Staedten so ist, aber fuer Berlin hast du da wirklich den Nagel auf dem Kopf getroffen!
    Aber dieses „Wir sind jetzt serioes geworden“ beobachte ich nicht nur bei Fremden, sondern hat mich total an „befreundete“ Muttis erinnert die sogar mit mir schwanger waren und seit der Geburt nicht mehr in der Lage sind Kontakt aufzunehmen 🤦🏻‍♀️ Naja, wahrscheinlich ein Fall fuer Galileo Mystery 😅

    Liebe Gruesse,
    Dank

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    • Sabine Wirsching schreibt:

      Was, bei befreundeten Mamas auch?! Jetzt bin ich aber wirklich baff… ich dachte, die runden Monate „einen“ einen irgendwie und danach freut man sich zusammen am Nachwuchs! Sicher, es gibt natürlich das Zeitproblem, aber spätestens in der Spaziergeh-Phase ist man doch dankbar für gleichgesinnte Gesprächspartner… die spinnen, die Muttis 😀

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  7. Nera schreibt:

    Ist mir auch aufgefallen. Mein Kind ist nun über 2 Jahre alt und das hat sich nie geändert.
    Egal, ob ich im eigenen Dorf oder in einer großen Stadt unterwegs war – da kann man noch so offen und freundlich lächeln.
    Ich gucke ja nicht wie „mit dir möchte ich als nächsten Schritt ein Gespräch anfangen, wie stressig / wie schön es doch mit Baby / mit Kleinkind ist“. Ich möchte nur freundlich anlächeln à la „wir Spazierschieber / Spaziertragende sitzen doch alle in einem Boot, nicht wahr?“ und im Vorübergehen grüßen.
    Einzige von mir auf dem Land beobachtete Ausnahme, und die trifft fast immer zu: kopftuchtragende Muttis oder Omis. Die lächeln und grüßen gerne zurück.

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  8. Anna schreibt:

    Das ist sogar hier in einem 1000 Seelen Dorf so. Dazu kommt ja noch: Man hat ja Connections. Oder auch nicht, so wie ich. ICH habe einen RUF. Außerdem bin ich in in unserer Ecke sonderbar. Ich bin die einzige Frau Ü3 ohne eigenes Einkommen und Erstgebärende! Die Frauen die hier mit Ü30 Erstgebärende sind, haben Karriere u Haus und Ehe usw. Die, die wich ich, kein eigenes Einkommen haben, nur in „wilder Ehe“ leben, die haben allesamt schon Kinder in der Realschule. Ich bin, ungelogen, aus meiner Generation die einzige im Dorf, die so is… Und das sind keine kleinen Kluften, das sind ganze Canyons zwischen uns.

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  9. Jessica schreibt:

    Schöner Artikel. Hier am Volkspark Wilmersdorf sehe ich auch immer die Kinderwagen Clans die mich gekonnt ignorieren…so laufe ich täglich alleine in der Weltgeschichte rum und habe das Gefühl zu verblöden! Mädels, ich brauche wieder soziale Kontakte und es kann auch gerne mal ein Gespräch sein,dass nicht über den Nachwuchs geführt wird 🙂 ich kann überall spazieren, also wer Lust hat und nicht mehr einsam sein will kann sich gerne melden 🙂

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  10. Lenina schreibt:

    Und manchmal ist man einfach nur zu müde um genug Energie für ein Wort übrig zu haben, was man riskieren könnte, wenn man zurücklächelt. Oder das Baby ist gerade eingeschlafen, nachdem man bereits seit 2 Stunden herumläuft und man will auf keinen Fall riskieren, dass es wieder aufwacht, weil jemand netterweise Hallo sagt.
    Oder man fühlt sich gerade überhaupt nicht ausgehtauglich, as Kind schläft aber nur im Wagen und man muss ungeduscht in en Klamotten von gestern vor ie Tür.

    Klar ist ein Lächeln und Hallo freundlicher und netter – aber die Zeiten kommen schon.

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    • Sabine Wirsching schreibt:

      Du wirst es nicht glauben, aber als Mama in Monat 7 fange ich langsam an zu verstehen (und denke ernsthaft darüber nach, noch mal einen zweiten Blogtext zum Thema zu machen – nur die Energie fehlt… oh man).

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