Hilfe, Baby! oder Fiese Fakten zum Wochenbett

Nach „Fiese Fakten zur Schwangerschaft“ müsst ihr auf „Fiese Fakten zur Geburt“ leider verzichten, liebe Realo-Mamas! Zum Trost gibt es „7 Top-Momente„, die es in Sachen Peinlichkeit und Co. auch in sich haben, aber alles in allem verlief meine Geburt so positiv, dass ich keine Fiesigkeiten darüber berichten kann. Mit dem Wochenbett sieht es allerdings ein wenig anders als. Da schlägt #fürmehrrealität wieder mit voller Kraft zu.

Hallo, Wochenfluss!

Beginnen wir mit dem Klassiker: der großen Windel für erwachsene Damen. Direkt nach der Geburt wurde ich nicht nur mit einer extragroßen Einlage versorgt, sondern auch gleich noch in eine Einmal-Wickelunterlage gehüllt. In dem Moment kriegte ich das gar nicht so mit – gegen die Geburt war so ein bisschen Moltonzeugs im Netzschlüppi einfach mal gar nichts!

Ungewohnter war, dass ich auf Station dann nicht allein zur Toilette durfte. Also machte ich die Erfahrung, im blutigen Entbindungskittel auf der Brille zu hocken, während vor mir eine Schwester kniete, die anschließend bei der richtigen Abwischtechnik assistierte. Zum Glück nur beim ersten Mal, danach durfte ich allein gehen und die extragroßen Einlagen allein wechseln. Außerdem war regelmäßiges Spülen in der Dusche angesagt (tatsächlich war das angenehmer als das feuchte Toilettenpapier, was ich beim Fipspapa geordert hatte).

Das Gute: Ich hatte  mir den Wochenfluss immer als reißendes Gewässer vorgestellt, das mich förmlich davonschwemmen würde wie diese unkontrollierbaren Menstruationsschübe es zu meinen Teenagerzeiten taten. Ich hatte mir auch vorgestellt, dass ich den gleichen Ekel empfinden würde. Aber so war es nicht. Nach ein paar Tage konnte ich von den extragroßen auf normale Einlagen wechseln und dass mir meine Hebamme beim Hausbesuch regelmäßig in den Schlüppi guckte, war die einzige denkwürdige Erfahrung. Keine Ahnung, wie lange es sonst dauern kann oder wie viel es sonst ist: Jetzt, nach vier Wochen, bin ich so gut wie durch damit und auf Slipeinlagen-Niveau gelandet – halleluja (trotzdem)!

Beckenboden, Nähte und Geburtsverletzungen

„Sie brauchten keinen Dammschnitt“, wird immer einer meiner Lieblingssätze sein. Gott, war ich stolz! Es wäre auch wirklich gemein gewesen, wenn die wochenlangen Ölmassagen nichts gebracht hätten (denn dafür hatte ich sie wirklich als zu unangenehm empfunden). Wie auch immer: Kein Dammschnitt, aber trotzdem zwei kleine Risse, die mit wenigen Stichen vernäht wurden. Und deren Nahtknoten für gute zweieinhalb Wochen mein persönlicher Geschwindigkeitsbegrenzer war: Ich konnte einfach nicht lange auf sein und schon gar nicht weit laufen.

Obwohl ich verletzungstechnisch wirklich gut weggekommen bin, fühlt sich mein down under seit der Geburt sehr anders an. Es ist nicht wirklich Schmerz (obwohl die Mininähte mitunter stechen wie Minimesser) und auch nicht wirklich die Angst, dass mir meine Innereien durch den gelockerten Beckenboden fallen könnten. Doch da zwischen meinen Beinen sitzt eine sehr körperliche Erinnerung an die Geburt. Eine körperliche Erinnerung, die ich auch vier Wochen danach noch fast durchgängig spüre, obwohl ich längst keine Schmerzmittel mehr nehme und gefahrlos Niesen-Husten-Laufen kann. Aber da ist sehr deutlich etwas passiert, das sich nicht mal eben schnell in Wohlgefallen auflöst.

Brustschmerzen

Während der Schwangerschaft habe ich mir auf den Rat einer Freundin hin einige Stillvideos angesehen… und dachte irgendwann: „Heilige Mutterkuh, wie haben das unsere Vormütter nur in den letzten tausenden von Jahren hingekriegt?!“ Ich wollte mich nicht verrückter machen als nötig und stellte das Videogucken ein.

Doch auch, wenn das Kind weiß, wie es zu trinken hat, nimmt die Milchbar nicht unbedingt reibungslos den Betrieb auf. Da war zum einen das plötzliche Brustwachstum um ein bis zwei Körbchengrößen, wenn die Milch einschießt: Plötzlich sieht man aus wie Pamela Anderson und fühlt sich wie ein Zwillings-Atomkraftwerk kurz vor der Kernschmelze! Boom! Irgendwann normalisiert sich die Größe in der Regel wieder, doch Stillberater/innen und Hebammen haben durchaus ihre Berechtigung: wunde Brustwarzen, wiederkehrende Schmerzen, unregelmäßiger Milchfluss (ich habe rechts zum Beispiel einen Mitläufer und links deutlich mehr Drüsengewebe, was zu mehr Milch, Schmerzen und Hitzeempfinden führt), schwer verdauliche Milch und entsprechendes Bauchweh (nicht bei der Mutter, aber beim Kind – was im Endeffekt beide leiden lässt).

Ja, die weibliche Brust ist ein lebensspendendes Wunderwerk (lalala) und ich stille auch gern. Aber nicht ohne Quarkwickel, Lanolin-Creme von Lansinoh und eine Spuckwindel für den Mitläuferüberschuss. Gute Ausrüstung ist die halbe Milch! Und ich hole mir jetzt mal eine Packung Tiefkülerbsen, um das querköpfige Rechts etwas runterzukühlen (politische Konnotationen sind nicht beabsichtigt, aber willkommen).

Der leere Bauch

Ich habe oft gelesen, dass frischgebackene Mütter ihren Kugelbauch mit seinem Eigenleben vermissen und nach der Geburt eine regelrechte „Leere“ empfinden. Ich kann nicht behaupten, dass es mir so geht. Zum Einen war ich mit dem Bauch am Ende wirklich sehr schwerfällig und unbeweglich. Die wiedergewonnene Beweglichkeit habe ich nicht nur aus egoistischen Gründen vermisst: Ich brauche sie nun in jedem Augenblick, um einen sehr anspruchsvollen kleinen Gast zu versorgen und dabei nicht zusammenzubrechen.

Aber etwas anderes hat sich geändert. Früher war mein Bauch das Vorzeigeprodukt meiner Fitness-Studio-Besuche und meiner Yogaübungen. Obwohl ich inzwischen 11 von 15 Schwangerschaftskilos verloren habe (die meisten durchs Stillen), ist mein Bauch eine kuschelweiche Decke geworden: Die Haut ist deutlich dicker als früher (klar, was sich gedehnt hat, hat sich jetzt zusammengezogen), ich habe Babyspeck und mein Bauchnabel treibt sich auch immer noch im Außengelände herum. Auch die linea nigra ist noch da. Tja. Soll ich was sagen? Das spielt keine Rolle.

Ich habe mit einem Neugeborenen im Schlepptau keine oder kaum Zeit, um den schönen Zeiten der Schwangerschaft nachzusinnen oder den wilden Bauchpartys nachzutrauern. Aber ich habe einen neuen Bauch, der mich daran erinnert. Und das gefällt mir irgendwie – weich und muskelfrei hin oder her.

Tabu Verdauung

Apropos weich, apropos Tabu. Man kann über vieles reden, was sich nach der Geburt verändert und dabei lässt man eine Sache gern außen vor. Eine Sache, die völlig nebensächlich erscheint, wenn alles rutscht – und die zur echten Qual wird, wenn sie es nicht tut. Darf ich Ihro Unbequemlichkeit vorstellen? Bitte sehr: die Verdauung.

Nach der Geburt sortiert sich der gesamte Bauchraum neu: Die Organe spielen Reise-nach-Jerusalem um ihre alten Plätze und wie es scheint, bekommt der Darm dabei nie einen Stuhl ab (haha, welch ein Kalauer!). Zwei- bis dreitägiger Stillstand ist die Folge, und ich sage euch: Wenn ich im letzten Abschnitt die Beweglichkeit des leeren Bauches gefeiert habe, dann wird eben jene von diesem Stillstand extrem beeinträchtigt. Schlecht gelaunt und mimosig wird man, wenn der Mann sich jeden Tag nach dem Morgenkaffee gemütlich mit dem Handy aufs Klo verzieht! Und man selbst hockt mit einem Glas Pflaumensaft vor einem Müsli aus eingeweichten Trockenpflaumen und Leinsamen da.

Westliche Klohaltungen (schön aufrecht und adrett) sind der Veränderung dieses Stillstands nicht eben zuträglich. Der Stress, ständig ein Auge auf das Baby haben zu müssen/wollen, ebenfalls nicht. Und auch bei 3-4 Litern Flüssigkeit täglich scheint nie genug da zu sein, um dem eigenen Inneren etwas Geschmeidigkeit zu verleihen. Kurz gesagt: Dagegen ist für mich noch kein Kraut gewachsen. Ich hoffe, dass sich das bald von allein regelt, bis dahin heißt meine Lösung in größter Not Dulcolax. Heilige Scheiße!

Adé Sexleben?

Früher musste man sechs Wochen warten, heute darf man, wann immer man (wieder) will. Also, Wochenfluss finde ich persönlich ja nicht so sexy – meinen Mann dagegen schon. Und ich bin auch sehr froh, dass er mich trotz all der Einblicke während der Geburt immer noch attraktiv findet. Das war nämlich eine meiner großen Sorgen: Dass sein empfindlicher Magen gewisse Bilder nicht würde verdauen können, und ich danach für ewig nur noch als Mutter und nicht mehr als Partnerin betrachtet werden würde. Dem ist nicht so, im Gegenteil.

Der Fipspapa sagt gern, dass er nun alles von mir gesehen habe und mir deswegen erst recht nichts mehr peinlich sein müsse. Eine Aussage, die Gold wert ist, weil ihr Taten folgen. Obwohl es sehr seltsam ist, dass während der Taten ein Winzling neben einem im Bett liegt, der Mamas Hand nicht loslassen will oder zwischendurch mit großen Augen in die Gegend staunt. Dabei muss man sich als Elternteil entspannen können, wenn man etwas von den Taten haben will (klappt noch nicht immer).

Aber nun ja: So bist du entstanden, mein Schatz. So ist das Leben. Und glückliche Eltern schaden dir mit Sicherheit rein gar nicht.

Der Babyblues oder die große Verzweiflung über nichts

Den dicksten Brocken habe ich mir bis zum Schluss aufgehoben. Denn ich dachte ja auch, dass ich vom Babyblues und vom Mamachaos verschont bleiben würde. Unser Fips ist sehr entspannt: Die ersten zwei, drei Wochen wurde überwiegend geschlafen und nur selten geweint oder erzählt. Es fühlte sich leicht an, Eltern zu sein und es war auch noch viel Platz für uns als Paar. Ich musste nicht ernsthaft weinen (eher aus Glück oder Rührung), ich kam mir nicht überfordert vor – ich war so eine richtige glückliche Bilderbuchmutti. Und wollte es auch sein.

Inzwischen muss der Fipspapa wieder arbeiten. Ich bin allein mit unserem Kind zuhause und das Kind verändert sich: Morgens weiß ich nie, wie der Tag sein wird. Wird es viel schlafen? Wird es zufrieden sein? Wird es erst abends weinen oder schon tagsüber erzählen? Will es die ganze Zeit bei mir sein, weil ihm der erste Schub unheimlich ist, oder nutzt es seine erwachenden Sinne, um sich völlig zufrieden eine halbe Stunde mit der Schlafzimmerdecke zu unterhalten? Kann ich irgendwas im Haushalt tun, kann ich vielleicht sogar schreiben – oder laufe ich mit dem greinenden Fips in der Trage herum, bis mir die Füße abfallen? Kurz: Ich weiß nichts.

Mein Organisationstalent ist völlig nutzlos geworden. Mein Leistungsbewusstsein ist das Allerletzte, was mich durch den Tag bringen könnte – im Gegenteil, es macht sogar alles kaputt. Mit Disziplin und Regelmäßigkeit bin ich völlig verloren. ICH bin völlig verloren. Kleine Aufgaben werden unschaffbar (Beispiel: unterm Bett saugen, wenn man ein Baby in der Trage hat), neue Abläufe überfordern (Beispiel: „Mach die Eierkuchen heute doch mal herzhaft statt süß, ja?“) und das Kind selbst ist das größte Rätsel überhaupt. Verstehe ich Fips immer richtig? Sollte ich unser Baby nicht noch viel besser kennen? Ist dieses Weinen noch erzählen oder habe ich das Beinchen vielleicht ganz schrecklich in der Trage eingeklemmt…? Mache ich Fips gerade kaputt? Große Ängste um das Kind und vor dem eigenen Versagen stürzen plötzlich auf mich ein und ich kann sie nicht stoppen.

Eltern werden, Paar bleiben

Auch die Beziehung tritt in eine neue Phase ein. Es scheint plötzlich für nichts mehr Zeit zu sein, nicht mal für ein Lächeln oder einen Kuss. Beides muss man sich hart erarbeiten und als Ritual bewusst wieder integrieren. Wir zumindest müssen es. Wir müssen uns gegenseitig daran erinnern, dass Liebe der Grund war, warum wir uns diese Familienwerdung vorgenommen haben. Und dass Grantigkeit bei uns eigentlich immer Vermissen bedeutet.

Das Gute: Wenn man sich an so etwas erinnern kann, hat man den ersten Schritt in die richtige Richtung schon wieder gemacht. An Beziehungen muss man immer arbeiten – sei der Grund nun Babyalltag oder Banalquatschzoff. Gute Beziehungen sind ein Geschenk, aber geschenkt kriegt man hier trotzdem nix. Punkt.

Abschied vom alten Leben

Vier Wochen ist unser Fips alt. „Ein Kind wird eurer Leben total verändern“, das habe ich in der Schwangerschaft so oft gehört wie nichts anderes. Verdammt, ja! Das hat es! Und ich hatte ja keine Ahnung, wie sehr. Ich hatte nicht mal eine Ahnung, um was es bei der Veränderung gehen würde! Denn es geht nicht um die kurzen, zerhackten Nächte. Es geht nicht darum, die Klotür offen zu lassen, um das Baby hören zu können. Es geht nicht nicht darum, dass man jetzt Milchflecken auf dem T-Shirt hat.

Es geht darum, dass man sich in diesem veränderten Leben selbst ganz neu finden muss. Das ist wohl der fieseste Fakt von allen. Und gleichzeitig die größte Chance.

2 Gedanken zu “Hilfe, Baby! oder Fiese Fakten zum Wochenbett

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