Der Geburtsbericht Teil 3: Die Austreibungsphase

Die zweite Dosis Schmerzmittel nach der Übergangsphase kam gleichzeitig mit den Presswehen. Ohne Eins-zu-Eins-Betreuung durch die Hebamme und einen perfekten Ehemann als Geburtsbegleiter weiß ich nicht, wie ich alles überstanden hätte. So erinnere ich mich an nichts, was nicht auf seine ganz besondere Weise „gut“ war. Gut und krass zugleich, inklusive Scheißdrauf-Moment.

Wann beginnt die Austreibungsphase (btw: was für ein hässliches Wort!) offiziell? Ich weiß es nicht. Für mich begann sie, als der Tropf mit dem Schmerzmittel zu wirken aufhörte. Das muss etwa gegen 20 oder 21 Uhr gewesen sein, also etwa 4-5 Stunden nach Beginn der Übergangsphase.

Ich erinnere mich nur sehr bruchstückhaft. Plötzlich war der Muttermund ganz geöffnet – ich war glücklich. Meine Gebärmutter bekam per Tropf einen Powercocktail verabreicht, um nicht nachzulassen. Wir zählten die Minuten bis zur nächsten Runde Schmerzmittel. Die Hebamme wechselte zum zweiten Mal und statt der sanften jungen Begleiterin hatten wir nun eine ältere, resolute Powerfrau im Saal, die uns die restlichen Stunden begleitete. Zum Glück waren wir an diesem Tag allein im Kreißsaal, denn ohne ihr ständige Gegenwart hätte ich sicher länger gebraucht.

Doch zunächst waren da nur Wehen. In den Pausen dazwischen schlief ich manchmal ein vor Erschöpfung, zumindest dämmerte ich in einem bilderreichen Halbkoma vor mich hin, bis mir der nächste Schub in den Rücken trat. Dem Fipspapa wurden die Hände lahm und das Etwas Vernunft in meinem Kopf brachte mich dazu, wenigstens ein paar Wehen aufrecht in seinen Armen veratmen zu können.

Ansonsten setze irgendwann ein seltsamer Mechanismus ein: Die Wehe kam, ich kommandierte „Knubbeln!“, atmete, brüllte und konzentrierte mich dann auf ein gleich ist es vorbei. Denn wenn der Griff des Fipspapas nachließ, wusste ich, dass auch die Wehe dies tun würde. Als würde er es vor mir fühlen.

Und irgendwie schaffte er es bei all diesem Da-Sein auch noch, die Meerschweinchenbetreuung zuhause zu organisieren und in einer Wehenpause ein paar schnelle Happen von dem von der Fipsoma gelieferten Kartoffelauflauf zu essen. Wie viele Hände und goldene Herzen dieser Mann an diesem Tag hatte? Ich weiß es nicht, aber er hat das alles mit einer Bärenruhe hinbekommen.

Die Herztöne sacken ab

Ansonsten ging es stetig voran, und zwar offenbar zu schnell für unser Baby. Ich bekam es in meinem Dämmer gar nicht so mit, aber plötzlich sackten die Herztöne dramatisch ab. Es klingt abartig zu sagen, dass das im Endeffekt gut für uns war: Doch irgendwie war es so. Ich konnte nicht mehr, und dass das Kind nun auch nicht mehr konnte, brachte uns eine zehnminütige, medikamentöse Wehenpause ein. Die Nebenwirkung: Meine ohnehin ausgepowerten Beinmuskeln begannen zu zittern wie Espenlaub. Auch die Atmung hatte eher etwas von Schüttelfrost. Mir war es egal, aber auf den Mann machte es einen üblen Eindruck.

Während dem Fipspapa das Herz in die Hose rutschte, konnte ich ein paar Augenblicke verschnaufen. Währenddessen wurde ein feines Häkchen für ein Messgerät am Babykopf befestigt, um die Herztöne zuverlässiger kontrollieren zu können – und dann ging es auch schon weiter.

Zum Glück war die Hebamme die ganze Zeit bei uns: Ich war unendlich dankbar, dass Fips sich einen so leeren Tag ausgesucht hatte. Bei jeder Wehe war sie nun an mir, drückte und schob mit und in den Pausen fühlte ich ihre Hand auf mir und war sicher, nicht allein zu sein.

„Jetzt kommen die Presswehen“

Auf die Presswehen habe ich wirklich gewartet. Ich wollte so gern ein Sonntagskind und ich wollte so gern sicher sein, dass es langsam dem Ende zugehen würde. Als die Hebamme dann endlich „Presswehen! Jetzt mitschieben!“ verkündete, war ich wirklich glücklich.

In dieser Phase klammerte ich mich in Seitenlage fest an die Lehnen des Bettes, presste mein Gesicht an den Fipspapa, während er mein oberes Bein hob und die Hebamme gleichzeitig von der anderen Seite heiße Ölkompressen auf dem Damm auflegte und ihre Kommandos gab. Auf „Ausatmen!“ habe ich gedrückt und geschoben, was die Kraft hergab. Nur einen einzigen Moment dachte ich, ich könne nicht mehr einatmen, aber da hat mich die Hebamme ganz schnell wieder eingenordet.

Das Kind kam, nur das war wichtig. Was sonst kam, war mir in diesem Moment buchstäblich scheißegal. Punkt. (Nicht mal der sehr empfindliche Fipspapa hat sich dafür interessiert. Für den war der Schockmoment eher, dass ihn die Hebamme nach dem Nähen einen Blick auf meine frischgenähte Intima werfen ließ: „Gucken Sie, ist alles wie vorher!“ Nun ja. Fand er nicht so.)

Der nächste Glücksmoment näherte sich: In einer Wehenpause telefonierte die Hebamme mit der Ärztin: „Sie können jetzt zur Geburt kommen.“ Ich glaube, der Fipspapa und ich waren gleichermaßen erleichtert. Die Hebamme sagte nur: „Jetzt wird nicht mehr geschrien, sondern nur noch gedrückt.“ Okay. Das Etwas Vernunft in mir riss sich für die letzte Runde zusammen und der Krake zog sich zurück. Ab hier waren mein Kompass der Herzschlag des Babys: Wurden er hektischer, habe ich mich zum ruhigen Atmen gezwungen, bis auch das Kind wieder beruhigt war.

Das erste Löckchen

Ab da ging es ziemlich schnell: „Da sieht man schon ein Löckchen dunkle Haare!“ und „Da ist der Kopf schon zu sehen. Wollen Sie fühlen?“ Tatsächlich war das der magische Moment: Man langt sich zwischen die Beine und da, wo nie etwas war, ist butterzarte Haut und weiches Haar. Unfassbar. In diesem Moment habe ich verstanden, dass da wirklich ein Baby kommt.

Und dass ich es gleich in den Armen halten würde, wusste ich, als der Fipspapa anfing zu weinen. Er hatte seine Position an meinem Bein der Ärztin überlassen, sorgte nun für meine richtige Kopfhaltung, schniefte – und dann rutschte es plötzlich und unser Kind war geboren. Um 23.25 Uhr, flutsch.

Das erste Schreckensgeschrei endete, sobald Fips auf meiner Brust lag: Mit großen Augen sah unser Baby seinen heulenden Papa und seine fassungslose Mama an, die beide nur „Bist du schön“ stammelten und man konnte seine Gedanken lesen: Ihr seid das also mit den Stimmen, die ich so gut kenne. Dann kann ich ja beruhigt sein.

Wer schneidet die Nabelschnur durch?

Auf unseren Wunsch durfte die Nabelschnur auspulsieren und wurde erst dann durchtrennt. „Möchte der Papa?“ – „Nein, lieber nicht.“ Ganz so weit ging seine Power dann doch nicht und auch ich habe das Durchknipsen der blauweißen Telefonschnur lieber dem Fachpersonal überlassen. Viel lieber wollte ich streicheln und schauen und riechen und das Wunder bestaunen. Dass die (übrigens herzförmige) Plazenta rausflutschte und ich noch ein wenig genäht wurde – kein Dammschnitt oder -riss! Ich war so stolz! – bekam ich kaum mit.

Es war geschafft. Unser Baby kam ein ganzes Stückchen größer und schwerer auf die Welt als gedacht: Mit 55 Zentimetern und knapp 3.800 Gramm ist man nicht mehr wirklich zart, aber dafür hat es das Gemüt einer echten Waage. Ausgeglichen und entspannt; mit einem pH-Wert wie er sonst einer absolut stressfreien Geburt „per Kaiserschnitt und ohne Wehen“ entspricht.

Kurz: Unser Wunder ist da. Wunderschön, perfekt und kerngesund. Wir sind drei, wir sind eins, wir sind komplett.

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