#FürMehrRealität oder Fiese Fakten zur Schwangerschaft

Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Beitrag schreiben soll und wenn, welche Überschrift ich ihm geben soll. „Fiese Fakten“ ist eigentlich viel zu reißerisch, denn es geht mir nicht darum, irgendwelche gänsehautlastigen Ekelthemen breitzutreten, sondern eigentlich genau um das Gegenteil. Eine Warnung dennoch an alle Dünnhäutigen: Dieser Blogpost ist für starke Frauen, die sich nicht für „G’schmackiges“ (wie der Österreicher sagt) schämen wollen, sondern der Realität mit einem Lachen ins Auge sehen.

Also lest nicht weiter, wenn ihr nicht wirklich am Leben seid. Lest nicht weiter, wenn perfektes Aussehen für euch das Wichtigste ist. Lest nicht weiter, wenn ihr euren Körper nicht lieben wollt mit allem, was er ist und wird.

über Was keiner spricht

Tatsache ist, dass der Körper sich in der Schwangerschaft verändert. Und dabei kommt nicht immer eine nach Photoshop- und BabyDream-Maßstäben perfekte Strahlefrau heraus: Straffe Kugelbäuche, strahlende Haut und glänzende Löwenmähnen werden längst nicht allen werdenden Mamas beschert. Mindestens genauso oft gehören Sodbrennen, Verstopfung, Krampfadern und Hämorrhoiden, geschwollene Hände, Beine und Füße und Schwangerschaftsstreifen mit zum Programm. Das Gute daran: Über diese Begleiterscheinungen wird immer offener gesprochen. Frau darf also ruhig zugeben, dass sie jede Nacht Feuer schluckt und die „Tigerstreifen“ werden (zumindest innerhalb der Instamom-Community) mit so etwas wie trotzigem Stolz vorgezeigt.

Aber es gibt ja noch mehr. Dinge, über die keiner zu sprechen scheint, weil sie irgendwie „igitt“ und peinlich scheinen, als würde sich der Körper in eine unkontrollierbare Müllkippe verwandeln und einen selbst in einen ungepflegten Freak, der dort haust. Und zwar als Einsiedler – denn andere Frauen haben sowas doch bestimmt nicht?!?!!!!1Eins!!

Doch. Haben sie. Und ich habe es satt, dass man sich diese Information mit roten Ohren in Foren zusammenklauben muss. Also runter mit der Schlabberhose und her mit der nackten Wahrheit.

Dünne und schmutzige Fingernägel

Von einem Tag auf den anderen werden die Nägel durchscheinend, wirken deutlich weicher als sonst und sind vor allem ständig verdreckt. Und zwar unabhängig davon, ob man gerade schon mal die Sandkiste für den kommenden Nachwuchs aufgebaut hat oder bloß faul auf dem Sofa gelegen hat. Genauso schnell, wie sie gekommen ist, kann diese Erscheinung dann auch wieder verschwinden (und während der Schwangerschaft noch mehrmals wiederkehren).

Dr. Google nennt einen möglichen Mangel an Vitamin A, Vitamin B-Komplex, Biotin, Calcium, Zink und Eisen als Ursache für brüchige Fingernägel. Nach eigener Beobachtung scheint das Phänomen tatsächlich in Baby-Wachstumsphasen aufzutreten – frei nach dem Motto: „In Mamas Nahrungsergänzungs-Femibion ist das zwar auch drin, aber wieso bis zur nächsten Tablette warten, wenn ich alles sofort haben will?“ Und schon steht Mutti mit Schmuddelnägeln da bis Junior seinen Bedarf erst mal gedeckt hat.

Hautirritationen

Es muss nicht immer gleich Schwangerschaftsakne sein: Statt dessen können kleine Pickelchen (Mitesser) im Bereich von Hals, Nacken und Dekolleté auftreten. Diese Talgablagerungen lösen sich oft schon bei leichter Berührung. Ein ähnliches „Verfallsdatum“ haben die Schwärme von kleinen Leberflecken, die sich möglicherweise einstellen: Plötzlich sind Bauch und Brust inklusive Brustwarzen mit dunklen Flecken und kleinen Knötchen übersät. Diese treten besonders oft an Stellen mit viel Reibung auf (zum Beispiel unter den BH-Trägern), aber auch einfach so. Manche bleiben (auch nach der Schwangerschaft), andere trocknen aus und fallen ab. Dafür kommen neue Exemplare nach. Irks? Na ja. So sind die hormonellen Späße des Lebens eben!

Zum Dermatologen muss man deswegen nicht sofort rennen. Das ist eher angezeigt, wenn sich bereits vorhandene Leberflecken und Muttermale verändern.

Apropos Hormone: Habe ich etwa das Thema „Haare“ vergessen? Nicht doch. Denn viele Schwangere bekommen ein regelrechtes Babyfell auf dem Bauch und manchmal auch auf der Brust (unvergessen der Ehemann einer Freundin, der ihren Busenvorübergehend und aus seiner Sicht sehr liebevoll in „Kokosnüsse“ umtaufte). Diese Haare können blond sein, sind aber auch oft dunkel, und verschwinden nach der Schwangerschaft meist ebenso schnell wie die berühmte linea nigra.

So. Bisher war es ja noch harmlos: Jetzt kommen wir zu den wirklich speziellen Themen. Rettet euch, ihr zarten Gemüter! Hier kommen die Mamathemen, die man nur hinter vorgehaltener Hand bespricht (wenn überhaupt).

Krümelige Brustwarzen

Dass sich die Brustwarzen samt Warzenhof in der Schwangerschaft stark vergrößern und bis hin zu einem tiefen Violett verfärben, ist recht bekannt, möchte ich meinen. Doch was ist mit den kleinen dunklen oder gelblichen „Krümelchen“, die sich so ab dem sechsten Monat in den Nippel-Poren festsetzen und beim Waschen lösen?

Im zweiten Trimester können diese Ablagerungen an der Brustspitze aussehen wie eine Art Mitesser (dunkle bis sehr dunkle Farbe). Die gelblichen Ablagerungen später sind dann schon Anzeichen der Vormilch (Kolostrum), die eine eher gelbgoldene Farbe hat. Beides kann mit sauberen Händen (!) und am besten nach einer ausgiebigen Dusche oder einem Bad vorsichtig entfernt werden, ggf. mit etwas Öl.

Allerdings werden die Erscheinungen sehr wahrscheinlich wiederkommen, denn sie gehören nur mal zu einer gesunden Milchproduktion dazu. Dennoch auf keinen Fall so lange rumprokeln, bis es weh tut, sondern nur vorsichtig behandeln! Schließlich ist die Brust in der Schwangerschaft und Stillzeit besonders zart und empfindlich.

Weiße Pickelchen im Bereich des Vorhofs sind ebenfalls ganz normal: Die sogenannten Montgomery-Drüsen sind ringförmig angeordnete Talgdrüsen, die beim Stillen zum einen die Haut der Mutter schützen und zum anderen dafür sorgen, dass der Säugling beim Trinken möglichst wenig Luft schluckt.

Geschwollene Schamlippen

Schwangerschafts-Fortgeschrittene kommt es bekannt vor: Die Füße kann man mit etwas Verrenkung noch sehen, aber wenn man für die „private parts“ keinen Spiegel benutzt, bleibt alles unterhalb der Gürtellinie unsichtbar.

Vielleicht über Monate: Viele Männer verlieren bei aller Bewunderung und Liebe für ihre kugelrunde Partnerin die Lust auf Sex. In der frühen Schwangerschaft ist die Ursache oft die Angst, den Embryo irgendwie „loszustoßen“; sobald sich erste Kindsbewegungen zeigen, sind es dann vermutlich eher die „Alien“-Filme. Sie haben Angst, dass Kind mit dem Penis erreichen zu können (was Quatsch ist – alle Frauen, die schon einer manuelle Muttermunduntersuchung hatten, wissen, dass an diese Stelle kein Mann hinreicht) oder ihnen ist der ungewollte „Dreier“ einfach unheimlich. Ich werde an dieser Stelle nicht wiederholen, dass das Baby von allem profitiert, was Mama und Papa glücklich macht, denn Sex oder kein Sex ist eine persönliche Entscheidung. Und solange beide Partner damit d’accord sind, ist sowieso alles richtig (das gilt ja auch außerhalb der runden neun Monate).

Anyway. Wer keinen aufmerksamen Sexpartner hat und/oder sich nicht täglich akribisch im Ganzkörper-Spiegel betrachtet, dem entgehen manche Veränderung below the belt möglicherweise für eine ganze Weile. Umso größer kann der Schock sein: War das da schon immer so… fleischig? Haben die inneren Schamlippen da immer schon so rausgeguckt? Und dann dieses Lila…! Das sieht ja schrecklich aus!! Oder…?

Keine Sorge! Alles ist gut. Nur die Vagina kleiner Mädchen hat eine perfekte Brötchenform. Und jeder Mann, der euch erzählen will, dass seine Partnerin auch noch mit Mitte 30 so aussehen muss, der sollte mal im stillen Kämmerlein über seine Präferenzen nachdenken. Aber das ist ein anderes Thema.

Jetzt sprechen wir darüber, dass sich die Vulva darauf vorbereitet, einen dicken Kopf und einen kleinen Körper in die Welt zu leiten. Dabei kann sie sich bis auf das 10-fache ausdehnen. Vorher muss außerdem für eine ausreichende Versorgung dieses kleinen Körpers gesorgt werden – sprich: für eine gute Durchblutung. Und weil die Gebärmutter kein abgezäunter Bereich ist, wird einfach ihre gesamte Umgebung inklusive Schamlippen ebenfalls reichlich mit Blut versorgt. In der fortgeschrittenen Schwangerschaft sorgen dann das Gewicht des Bauches und der Druck des Babys dafür, dass dieses Blut sich ein wenig stauen kann.

Mitunter kann dieser Druck sogar als schmerzhaft empfunden werden und manchmal entstehen sogar regelrechte Krampfadern. Jedenfalls sieht das, was vielleicht vor kurzem noch die holde Blüte der Weiblichkeit war einfach vorübergehend aus wie eine Fleischpflanze.

Aber – und das ist die gute Nachricht – in der Regel bildet sich das alles nach der Geburt wieder zurück. Vielleicht ist die Zeit der jungmädchenhaften Bauweise vorbei. Das ist okay. Aber nicht, weil du jetzt Mutter bist und Mütter nicht mehr hot aussehen können, sondern weil die Geburt eines Kindes uns in Körper, Geist und Seele endgültig vom Mädchen zur Frau macht.

Wir sind Frauen und das ist gut so

Mein Tipp: Sprecht bei allem, was euch „komisch“ oder „peinlich“ erscheint, mit eurer Hebamme. Sie hat nämlich garantiert schon so viele Frauenkörper gesehen, dass sie ganz genau weiß, was „normal“ ist. Und sie kann euch sagen, dass die wenigsten Frauen von Natur aus mit so viel Symmetrie und vermeintlicher Ästhetik gesegnet sind, wie Schönheitschirurgie, Porno und Heidi Klum uns glauben machen wollen.

Ihr seid nicht allein, Mädels – mit nichts! Denn wir sind keine photogeshoppten Werbepüppis, wir sind Frauen. Unsere Körper sind keine fürs perfekte Selfie gezüchteten Kleiderständer, sondern sie erschaffen neues Leben. Wir sind nicht faltenfrei, wir haben Speckröllchen, Leberflecken und schlechte Tage, aber wir sind echt.

5 Gedanken zu “#FürMehrRealität oder Fiese Fakten zur Schwangerschaft

    • Sabine Wirsching schreibt:

      vielen dank für das kompliment! und keine sorge um den „scherbenhaufen“… zumindest mir kam mein körper nie so intakt und richtig vor wie während der schwangerschaft. und das trotz aller begleiterscheinungen.
      alles, was wir sonst mit unserem körper tun, ist ja irgendwie von der gesellschaft und ihren normen beeinflusst (fitness, ernährung, kleidung, enthaarung, make-up…), aber in diesen neun monaten bekommt man einfach und unausweichlich gezeigt, wofür er eigentlich mal „gemacht“ wurde. damit meine ich nicht, dass jede frau kinder haben muss oder ein leben ohne schwangerschaft verschwendet wäre – auf keinen fall. aber trotzdem war fortpflanzung ja einmal unser ur-lebenszweck. das klingt befremdlich… und kann trotzdem sehr mächtig und schön sein!

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