Schwangerschaftsfazit: Mein drittes Trimester

Der offizielle ET ist erreicht, der letzte Termin bei der Frauenärztin erledigt und am Baby ist alles dran: Es könnte also losgehen mit der Geburt. Aber wenn ich eins gelernt habe im dritten Trimester, dann, dass ich selbst gar nichts zu sagen habe. Und gut kennengelernt habe ich mich – mit einigen Wahrheiten im Schlepptau, die ich vielleicht gar nicht so genau hätte wissen wollen.

Keine Ahnung im ersten Trimester

Wenn ich mir jetzt meine Einträge fürs erste Trimester anschaue, muss ich grinsen: Mir scheint es beinahe als hätte sie ein anderer Mensch geschrieben. Und irgendwie stimmt das ja auch, denn so unbedarft, so überzeugt von Selbstdisziplin und „Wissen“ liest sich das. Ich hatte damals das Gefühl, mich mit guter Literatur und neuem Selbstbewusstsein bereits bestmöglich auf alles vorbereitet zu haben. Tjaja. Pustekuchen!

Zum Beispiel habe ich nicht  halb so viel Sport gemacht, wie ich mir vorgenommen habe. Jeden Tag Yoga? Vergiss es. Was im Normalzustand Kampf mit und Sieg über den inneren Schweinehund bedeutete, war in der Schwangerschaft einfach nicht möglich (ich vermeide bewusst die Formulierung, dass ich es „nicht geschafft“ habe). In mir rief es nach Ruhe, nach Sofa, nach Nachmittagsschläfchen und dem habe ich nachgegeben. Ohne schlechtes Gewissen sogar, denn etwas in mir wollte es so.

Sexy war gestern?

Auch mit dem Schönfinden war es so eine Sache: Der Körper verändert sich. Punkt. Bisher habe ich bei 1,73 ganz verträgliche 14 Kilo zugenommen, aber ich bin nicht mehr dieselbe ohne Yoga. Punkt. Doppelpunkt! Der Hüftspeck aus der Übelkeitsphase hat sich größtenteils gnädigerweise zum Bäuchlein transferiert und ich habe auch keine Streifen bekommen, aber mein Körper ist ein anderer geworden: Mein Busen ist kein dekorativer Kleidchenfüller mehr, sondern bereitet sich auf eine praktische Funktion als Milchbar vor. All meine Muskeln sind weich – so weich wie das Gewebe, das demnächst Fips durchlassen soll und wird. Bin das noch ich? Oder ist da nur noch Mutter in mir?

Ein (Sex-)Leben lang dreht man sich als Frau mehr oder minder um die Frage der Attraktivität. Findet der eigene Mann mich noch schön? Kann ich mit Babybauch noch dieselbe Bewunderung in seinen Augen sehen? Und sehe ich ihn noch mit denselben Augen, wenn in mir ein kleines Leben tretend und hopsend an all meinen Taten Anteil nimmt? Und was macht das mit unserer Partnerschaft?

Ich sag es mal so: Es ist kein Einzelfall, dass sich Sex seltsam anfühlt, wenn der Dritte im Bunde uneingeladen und deutlich minderjährig ist. Auch Zärtlichkeiten werden schwierig, wenn es a) nicht mehr möglich ist, sich von Kopf bis Fuß aneinander zu schmiegen und sich der Körper b) in Sachen Fortpflanzung von der Spaßphase in die Umsetzung übergeht.

Wie sehr einem diese Nähe und auch diese Bestätigung fehlen kann, wusste ich allerdings nicht. Eine Zeitlang hatte ich sehr damit zu kämpfen, dass aus all den „Du siehst so hübsch aus“-Komplimenten nicht mehr wurde. Schließlich war unbewegliche dritte Trimester mit den kopfausfüllenden Gedanken über Geburt und Wochenbett hier ein echter Segen, denn ich habe deutlich weniger Kapazität für körperliche Sehnsüchte. Und wenn, dann richten sie sich eher darauf, endlich wieder auf dem Bauch schlafen und ohne vertrackte Wendemanöver vom Sofa aufspringen zu können.

Warten, Warten, Warten

Der Sex gehört einem nicht mehr, der Körper gehört einem nicht mehr… während des zweite Trimester quasi durchweg powergeladen war, begann sich das letzte Drittel der Schwangerschaft für mich so ab dem achten Monat in die Länge zu ziehen. Wenn ich früher kugelbäuchige Frauen sah, die lauthals verkündeten „keine Lust mehr“ zu haben, habe ich innerlich die Nase gerümpft: Wie konnten sie nur? Wie konnte man mit einem Baby im Bauch so unzufrieden sein?

Ich habe es herausgefunden:

  • Wenn die Nächte mit dem dicken Bauch unbequem werden und man nicht mehr weiß, wie man liegen soll, ist das halb so schlimm – schließlich muss man morgens nicht mehr ausgeschlafen zur Arbeit erscheinen.
  • Wenn die Klamotten immer knapper gewerden, ist das halb so schlimm – erstens kann man sich noch mal etwas Neues kaufen und zweitens geht da ja vorbei.
  • Wenn noch lästiger Papierkram zu erledigen ist, ist das halb so schlimm – die nötigen Unterlagen werden schon noch kommen.
  • Wenn der Termin näher rückt und sich im Bauch absolut nichts rührt, ist das halb so schlimm – der ET ist ja nur ein Schätzwert und die Statistiken… bla, bla, bla. Statistiken und Rückenschmerzen und Langeweile und Hüttenkoller und überhaupt alles – am Arsch!

Totalnormalkatastrophenzustand

Vier Halb-so-schlimms machen ein doppelt so schlimm und es fallen einem garantiert noch viel mehr Dinge ein, die für sich genommen kaum der Rede wert wären. Und dann liegt man wie ich bäuchlings, Po nach oben, auf dem Bett im dunklen Schlafzimmer und heult, weil die ganze Welt total doof ist und gar nichts mehr geht und ich mich nicht bewegen kann und einen Hüttenkoller habe und nichts mehr auf der To-Do-Liste ist, was mich von lähmender Langeweile abhält, und-und-und. Alles ist blöd. Dieses kleine Ding in mir soll endlich rauskommen, damit ich mich wenigstens wieder bewegen kann! Aber – oh Gott! – was mache ich nur, wenn es da ist? Komme ich dann zurecht? Drehe ich dann durch? Wird es ein kleiner Querkopf mit tausend Problemen sein, die ich nicht bewältigen kann? Das und noch mehr Fragen, dazu die Hormone, kurz: Endtotalkatastrophenzustand. Totalnormalkatastrophenzustand.

Die wichtigste Erkenntnis: Man kann das aushalten. Ich habe irgendwann verstanden, dass ich Fips nicht aus dem Bauch locken kann, wenn der Bauch noch nicht so weit ist. Stattdessen sind Alternativen gefragt: Was kann ich für mich tun, damit es mir gut geht? Auch (und gerade wenn) es noch länger dauert. Denn ich brauche ein Licht am Ende des Tunnels, um nicht durchzudrehen.

Scheinbar war die abgearbeitete To-Do-Liste und unser gefühlter Hausbaustillstand der Overkill für mich. An Letzterem kann ich nichts ändern (zum Glück geht es da inzwischen weitr, sonst wären meine Nerven vermutlich unrettbar verloren). Ersteres ist eigentlich eine gute Sache: Ich habe alles geschafft, was ich mir bis zum 12. Oktober vorgenommen hatte. Alles. A-L-L-E-S. Sogar das Gefrierfach habe ich noch abgetaut (und darauf hatte ich wirklich keine Lust).

licht Am Ende des Tunnels

Ohne Aufgabenliste fühle ich mich nackt und nutzlos. Seit über sieben Jahren habe ich dank Blogs, Büchern, Magazinen, whatever, immer einen Berg voller Aufgaben gehabt. „Genieß die Langeweile noch“, sagte meine Mutter, aber das kann ich nicht. Irgendwas Gutes muss jeden Tag auf dem Programm sein – Kekse machen, ein Spaziergang, Oktobersonnenschein, irgendwas! Das suche ich jetzt so gezielt (dieser Blogeintrag ist auch so ein Programmpunkt) wie ich versuche, schlechte Dinge zu meiden (zum Beispiel habe ich aufgehört prophylaktisch über Wochenbettprobleme zu lesen, weil mir das den Eindruck von „alles wird schiefgehen“ vermittelte). Nicht zu vergessen auch das Feiern neuer Entwicklungen: der erste Schluckauf, das Vergehen eines Wachstumsschubes (der mich ausgebeult hat wie ein Fesselballon), das Absinken des Bauches, die erste schmerzhafte Wehe.

Kurz: Das erste Trimenon war Chaos, was ich in den Griff bekam. Das zweite Trimenon war Sonnenschein, wunderbar. Das dritte Trimester ist hartes Brot: Ich bin nicht so belastbar und manchmal weitaus ängstlicher als ich dachte. Da ist viel Aufregung in mir, auch wenn ich die normalerweise sogar vor mir selbst überspielen kann.

Aber vielleicht macht das auch das Menschsein aus, vielleicht sogar das Muttersein: Ich bestimme nicht länger alles allein. Fips bestimmt und das wird auch noch eine ganze Weile so sein. Mit Ängsten muss ich umgehen lernen. Und wenn unser Haushalt demnächst im Chaos versinkt, werde ich mir die Zeit der leeren To-Do-Liste vielleicht zurückwünschen.

Mutter Natur mal wieder

Außerdem glaube ich inzwischen, dass die Verwirrung der letzten Wochen ein Trick der Natur ist: So fällt der Abschied vom möglicherweise sehr geliebten Babybauch leichter. Dementsprechend sage auch ich jetzt Auf Wiedersehen:

Liebster Bauch, auch im verheultesten Chaosmoment hätte ich mit niemandem auf der Welt tauschen mögen. Du warst unser großes Glück und vielleicht unser größtes Abenteuer bisher. Jetzt lass ich dich los und bin gespannt, was folgt. Es war wundervoll mit dir. In Liebe.

3 Gedanken zu “Schwangerschaftsfazit: Mein drittes Trimester

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