Stark und niemals müde: @hauptstadt.hebamme über Schönheit & Schwierigkeiten ihres Berufes

Bei der Insta-Challenge #schwangerschaftshibbelei wurde die Frage nach „Hebamme – ja oder nein?“ gestellt. Obwohl ich selbst die Vorsorgeuntersuchungen bei meiner Frauenärztin mache (die allerdings immer eine Hebamme zur zusätzlichen Betreuung in der Praxis hat), möchte ich hier ein ganz klares JA! in die Waagschale werfen.

Ärzte mögen auf der Zahlen-Daten-Fakten-Ebene relevant scheinen (und irgendwie ist unsere Gesellschaft ja auch sehr darauf gepolt, der medizinischen Instanz oberste Priorität einzuräumen), aber Hebammen sind für mich etwas ganz Besonderes. Schon allein deswegen, weil sie mich und den Kugelbauch nicht auf Katastrophen und Abnormitäten abchecken, sondern mit Herz, Hand und auch Humor die Möglichkeiten dieser ganz natürlichen und doch so wunderbaren Phase aufzeigen.

Nur ein Beispiel: Ich hatte etwas Sorge, ein Riesenbaby zu bekommen (mein Vater war ganze 60 Zentimeter groß und entsprechend dick, und genauso wäre ich auch gewesen). Aus den Werten meiner Frauenärztin wurde ich nicht schlau – es war die Hebamme, die mit erfahrenen Händen meinen Bauch abtastete, die Werte in eine Vergleichstabelle eintrug und mir am Ende einen schlanken Fips mit beruhigend kleinem Köpfchen bescheinigte. Und dem Fipspapa wurden die Ängste vor der Geburt auch nicht bei der Voranmeldung im Krankenhaus genommen, sondern durch die Anekdoten der Hebamme im Geburtsvorbereitungskurs.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich bin ziemlich froh, meine Hebamme bei jedem Wehwehchen um Rat fragen zu können und zu wissen, dass sie mich im Wochenbett begleiten wird. Und das jederzeit. Bei diesem Dauereinsatz ist es wohl kein Wunder, dass sie für dieses Interview keine Zeit gefunden hat. Umso glücklicher bin ich, dass sich mit Ilka Maria Schneemann eine andere Berliner @hauptstadt.hebamme bereit erklärt hat, ein wenig über ihre beruflichen Leidenschaft und den Felsbrocken, die diesem tollen Beruf inzwischen in den Weg gelegt werden, zu berichten.

Heute gibt's mal ein paar privatere Einblicke. Bin selbst auch immer neugierig wer hinter einem Profil steckt. Hier also ein paar facts about me ▶️ 🌿Ich bin 34 und meine Tocher ist fast 10 🌿Bevor ich mit der Hebammenausbildung angefangen habe, war ich in der Werbebranche tätig und habe digitale Medien und Webseiten gestaltet 🌿 Als meine Hebammenausbildung begann war ich fast 27 und meine Tochter gerade zwei geworden 🌿 Ich habe am Universitätsklinikum in Gießen gelernt und war die einzige Mama in meinem Kurs 🌿 Nach der Hälfte der Ausbildung haben der Vater meiner Tochter und ich uns getrennt 🌿 Bis heute frage ich mich wie ich das insgesamt dennoch geschafft habe 🌿 Während der Ausbildung war mir genau dreimal blümerant zumute, einmal wäre ich fast umgekippt 🌿 Direkt nach meinem Examen bin ich alleine mit meiner Tochter von Hessen nach Berlin gezogen 🌿 Wenn mich heute jemand nach dem Grund fragt, kann ich keine konkrete Antwort geben 🌿 Ich habe mich direkt nach dem Examen selbständig gemacht 🌿 In Berlin habe ich meinen Mann kennengelernt und 2015 zum zweiten Mal geheiratet 🌿 Meine Tochter hat einen Halbbruder und 2 Stiefgeschwister 🌿 Wir sind eine große Patchworkfanilie und haben alle ein freundschaftliches Verhältnis, was auf manche Leute, warum auch immer, befremdlich wirkt 🌿 Last but not least: Ich erfülle nicht das Klischee der teetrinkenden Hebamme – bei mir muss es Espresso oder Cappuccino sein, umso stärker desto besser #teamespresso An die Hebammen unter euch, wo kommt ihr her? Stellt euch doch mal vor. Foto von 💕 @chiara_doveri_photography

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Warum hast du dich für den Beruf der Hebamme entschieden?

Ilka: Schon als Kind hat mich fasziniert, wie von DER HEBAMME (es gab nur eine bei uns in der Kleinstadt) gesprochen wurde. Ich bewunderte sie: Sie schien eine sehr starke Frau zu sein, die allen Frauen und Neugeborenen half und anscheinend keinen Schlaf brauchte.

Nach der Schule zog es mich dann zunächst in eine andere Richtung und ich widmete mich kreativen Bereichen. Zwar schlummerte dieser Berufswunsch weiterhin in mir, aber ich hatte nicht den Mut, diesen totalen Richtungswechsel einzuschlagen. Erst nach der Geburt meiner Tochter 2007 erkannte ich die Wichtigkeit der Hebammentätigkeit in vollem Umfang und der Gedanke, diesem ursprünglichen Wunsch nachzugehen, intensivierte sich. Ich konnte mir nicht mehr vorstellen, zurück in meinen alten Beruf zu gehen: Den Hebammenberuf empfand ich als so viel sinnvoller und sinngebender. Das war der Wendepunkt und ich begann meine Hebammenausbildung direkt nach der Elternzeit.

Welche Rolle spielen Hebammen in deinen Augen während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett?

Ilka: Wir Hebammen nehmen eine sehr wertvolle und äußerst wichtige Rolle in unserer begleitenden Tätigkeit ein. Die Familienstrukturen haben sich vielerorts verändert: Paare leben oft berufsbedingt getrennt von ihren Familien und können nicht mehr so gut wie früher von dem Wissen und den Erfahrungen der eigenen Eltern- oder Großelterngeneration profitieren.

Gerade hier in Berlin erlebe ich das jeden Tag. Die Familien sind oft hunderte Kilometer weit weg und die sozialen Strukturen in der Wahlheimat oft noch nicht gefestigt. Bei einem positiven Schwangerschaftstest tun sich nach der ersten Freude verständlicherweise zahlreiche Fragen auf: Was kommt auf uns zu? Wie sollen wir das schaffen? Werden wir die richtigen Entscheidungen treffen? Wer unterstützt uns auf diesem Weg?

Und bereits hier beginnt mein Aufgabenbereich: Es ist wichtig, Zweifeln und Unsicherheiten frühzeitig zu begegnen und individuelle Wege zu finden. Optimalerweise kann dann bis zur Geburt des Kindes genug Sicherheit geschaffen werden, so dass die werdenden Eltern der Geburt und der Zeit danach zuversichtlich begegnen können.

Nach der Geburt beginnt dann eine turbulente Phase: Der gewohnte Alltag ist passé, alles ist und bleibt anders. Die Bedürfnisse aller Familienmitglieder wollen beachtet werden. Es dauert also einige Zeit, bis jeder seinen neuen Platz gefunden hat und der Alltag neu organisiert ist. Umso wichtiger ist es, währenddessen eine kompetente Hebamme an der Seite zu haben.

Was ist das Schönste an deinem Berufsalltag für dich?

Ilka: Hm, da gibt es so einiges! Ich mag die Freiberuflichkeit und dass ich die Möglichkeit habe, meinen Alltag familienfreundlich zu gestalten. Ich mag den Wechsel zwischen Praxisarbeit und Hausbesuchen. Ich finde es ganz großartig, dass ich so viele interessante Menschen mit völlig unterschiedlichen Lebenskonzepten, Herkünften und Hintergründen kennenlerne und dass ich sie in einer so besonderen, sensiblen Lebensphase begleiten darf. Ich liebe die Atmosphäre, wenn ich das erste Mal zum Hausbesuch komme und ein neuer Erdenbürger die ganze Wohnung verzaubert.

Auch die Tatsache, dass ich mitten in Berlin arbeite und somit kurze Wege und einen großen Bezug zu meinem Bezirk habe, gefällt mir sehr. Ich liebe den urbanen Charme der Stadthäuser, die Hinterhöfe und die vielen gemütlichen Wohnungen, die liebevoll auf die Ankunft eines neuen Menschleins vorbereitet werden. Das ist immer wieder toll. Am schönsten ist jedoch, wie viel Vertrauen und Dankbarkeit mir entgegengebracht werden: Das macht meinen Beruf für mich wirklich erfüllend.

Welchen Schwierigkeiten begegnest du und von welcher Seite kommen sie?

Ilka: Schwierig ist vor allem unsere Versicherungssituation. Das stresst mich zwar nicht akut im Alltag, schwingt aber irgendwie doch immer mit und verursacht hin und wieder Zukunftssorgen. Es ist unvorstellbar, dass der Deutsche Hebammenverband zurzeit nur noch mit großen Schwierigkeiten Versicherungsverträge mit ein oder höchstens zwei Jahren Laufzeit abschließen kann. Und das bei ständig steigenden Prämien. Dabei fühlt doch irgendwie jeder, dass Hebammen wichtig und sinnvoll sind! Das ärgert mich.

Im Praxisalltag stört mich oft die mangelnde Bereitschaft von Gynäkologen, mit uns Hand in Hand zu arbeiten. Laut Mutterschaftsrichtlinien kann die Schwangere zur Vorsorge in die Hebammenpraxis kommen UND zu ihren Frauenarzt gehen. Die Krankenkasse zahlt die Hebammenvorsorge dabei vollständig.

Vielen Ärzten ist das anscheinend ein Dorn im Auge, und immer wieder bekomme ich mit, wie Frauen in der gynäkologischen Praxis unter Druck gesetzt werden. Einige Gynäkologen wollen die Frauen auch nicht weiter betreuen, wenn diese sich für die wechselseitige Betreuung durch ihre Hebamme entscheidet. Für eine Übertragungsdiagnostik am Wochenende sind wir dann aber doch wieder ganz nützlich, denn dann ist die Arztpraxis schließlich geschlossen. Das müsste alles nicht sein: Ich denke eine ergänzende Zusammenarbeit könnte für alle Beteiligten bereichernd sein, vor allem für die Schwangeren.

Wie sollte die ideale Betreuung deiner Meinung nach ablaufen (können)?

Ilka: Verglichen mit vielen anderen Ländern, bin ich immer wieder froh, wie gut die Betreuungsmöglichkeiten hier in Deutschland sind. Von der Feststellung der Schwangerschaft bis zum 9. Lebensmonat des Kindes übernehmen die Krankenkassen jegliche Hebammenleistungen. Das ist gut für beide Seiten: Wir haben Zeit, uns richtig kennen und einschätzen zu lernen, was für eine gute Betreuung enorm wichtig ist.

Jetzt kommt aber der Haken: Es gibt zu wenig verfügbare Hebammen. Ich habe täglich viele Anfragen, darunter auch verzweifelte Anrufe von frischgebackenen Eltern, die keine Hebamme gefunden haben. Es reicht da auch nicht aus, sich frühzeitig um eine Hebamme zu bemühen, wie man es immer so schön empfohlen bekommt. Denn dann bleibt trotzdem die gleiche Menge an Paaren ohne Hebamme.

Was kann man als Schwangere tun, um den Fortbestand des Hebammenberufs zu unterstützen?

Ilka: Auf der Seite www.unsere-hebammen.de gibt es umfangreiche Informationen zu unserem Beruf und der derzeitigen Problematik. Hier können Schwangere, die keine Hebamme finden können, eine Mangelversorgung melden. Auch gab es in der Vergangenheit einige Petitionen auf change.org, die man mit einer Unterzeichnung unterstützen kann.

Zu guter Letzt: Würdest du dich immer wieder für deinen Beruf entscheiden?

Ilka: Auf jeden Fall!

Vielen Dank für diese Antworten und vor allem: Vielen Dank für deine kostbare Zeit!!

Ich muss zugeben, dass ich nicht genug über Hebammen wusste (und weiß). Bei der ersten Schwangerschaft ist man ja oft sehr unsicher, was man jetzt „tun muss“ und der übliche Weg führt eben in die Frauenarztpraxis. Würde ich mich bei einer zweiten Schwangerschaft vielleicht für die komplette Vorsorgebetreuung durch eine Hebamme meines Vertrauens entscheiden? Vielleicht. Nein, ich könnte es mir sogar ganz gut vorstellen und wäre gespannt, wie es das Erlebnis „Schwangerschaft“ verändern würde.

In Sachen Geburtsvorbereitung habe ich für diese Schwangerschaft jedenfalls noch ein paar Akupunktur-Dates geplant und falls ich über den Termin hinausgehen sollte, werde ich die weiteren CTGs auch bequem auf meinem Sofa machen lassen. 

Und vielleicht liegt – abgesehen von den irren Plänen zur Wochenbettambulanzen statt aufsuchender Wochenbettbetreuung! – genau da das Problem: Am Anfang fehlen einem Wissen und Selbstbewusstsein, sich dem Ärzteweg zu widersetzen. Dabei ist die Hebammenbetreuung doch um einiges herzlicher und herzwärmender (und genau das braucht man als kleines Hormon-Mimimi ja manchmal). Also wenigstens an dieser Stelle noch mal ein dickes, fettes JA!! zur Hebamme.

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