Die Kreißsaalbesichtigung: Tatsachen statt Geburtsängsten

Das Wort „Kreißsaal“ hat nichts mit der Form des Entbindungsraums zu tun: Es kommt vielmehr vom mittelhochdeutschen Wort kreißen für „schreien“, „stöhnen“ und „Wehen haben“. Als Ex-Germanistin bin ich für die mittelhochdeutsche Lautmalerei eigentlich immer zu haben (mistbelle für „Hofhund“ ist meine Lieblingsvokabel), aber der Kreischsaal hat in meinem Kopf trotz meines generellen Geburts-Optimismus nicht grad die besten Assoziationen ausgelöst: Blendendes Neonlicht, grüngekleidetes Personal mit Mundschutz, in alptraumrunder Raum mit Betten voller hysterischer Frauen… alles dabei!

Doch wie treibt man solche Gedankenteufel am besten aus? Genau: Man geht los und schaut sich an, ob die Realität den Horrorvorstellungen recht gibt (und – Überraschung! – in der Regel tut sie das nicht). Also fuhren wir zu einer der regelmäßig stattfindenden Kreißsaalbesichtigung in das Klinikum Dahme-Spreewald (jeweils am 1. und 4. Donnerstag des Monats um 17.00 und 19.00 Uhr).

Die Begrüßung

Die Hebamme empfing uns im pinken Outfit: Meine Vision vom grüngekleideten OP-Gespenst schien also schon mal nicht zu stimmen. Was uns außerdem gut gefiel:

  • herzliche und persönliche Ansprache (wobei ein gewisses Zupackungsvermögen durchblitzte… sprich: Diese Dame würde in Krisensituationen auch ein Machtwort sprechen können.)
  • direkte Einbeziehung der werdenden Väter (statt hilflose Statisten zu sein, würden sie mit kleinen Aufgaben – Massieren etc. – aktiv in die Geburt eingebunden)
  • konkrete Informationen zur Geburtsvorbereitung

Das #drücken beginnt schon an der #tür 😄 #ctg #ssw38 #spannend #kreißsaal #warten #urlaubsvertretung

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Letzteres betraf die Vorbereitungen zuhause und den Ablauf im Krankenhaus:

  • Was gehört in die Kliniktasche und was brauche ich nicht? Für eine Entbindung im Achenbach-Krankenhaus sollten Badelatschen, ein großes Badetuch, ordentliche Verpflegung für den werdenden Vater und leicht verdauliche Snacks für die werdende Mama (Joghurt, Banane, Müsliriegel) dabei sein. Wasser und ein Geburtshemdchen gibt’s vor Ort.
  • Ab wann können Geburten in diesem Krankenhaus stattfinden? In diesem Fall werden Geburten erst ab der 34. SSW durchgeführt. Frühere Termine oder Spezialfälle (z.B. HIV-infizierte Mütter) werden an eine Spezialklinik verwiesen.
  • Muss man sich zur Geburt anmelden? Ein Vorgespräch zum genauen Geburtsablauf etc. sollte ca. fünf Wochen vor ET vereinbart werden. Wenn die Wehen einsetzen und man sich auf den Weg zum Krankenhaus macht, muss man dagegen nicht mal anrufen.
  • Ist man zuhause gut vorbereitet? Die Kliniktasche ist gepackt und der Mutterpass liegt bereit. Schön! Wie kommt man ins Krankenhaus? Was, wenn der Partner ungeplant nicht da ist? Liegen Binden bereit, wenn die Fruchtblase platzt, oder greift man zur Pampers?

Außerdem stellte sich das Brandenburger Netzwerk Gesunde Kinder vor, das nicht nur diverse nützliche Kurse von Erste Hilfe für Kinder bis zum richtigen Stillen anbietet, sondern auch kostenlose, ehrenamtliche Betreuung bis zum dritten Lebensjahr stellt.

Der Kreißsaal

Nach der Begrüßung ging es weiter Richtung Kreißsaal und die Hebamme hatte die nächste wichtige Info für aufgeregte, werdende Väter: „Hier klingeln Sie, und keine Sorge! Wir hören Sie und öffnen maximal nach ein paar Minuten, wenn wir beschäftigt sind. Sie müssen nicht Sturm klingeln. Immer mit der Ruhe.“

Der Kreißsaal selbst hatte mit seiner dezenten Beleuchtung und dem Ausblick ins Gründe ebenfalls etwas Beruhigendes an sich. Zur Einrichtung gehörten:

  • ein Bett mit absenkbarem Fußteil und erhöhbarem Kopfteil für eine bequeme Seiten-, Rücken- oder Kniehaltung
  • ein Gebärhocker und ein Sitzball
  • ein Wickeltisch mit Waage, Maßband und Waschbecken für die U1

Das Einzige, was mir fehlte, war das Seil an der Decke für eine Geburt im Stehen. Ob ich das genutzt hätte, weiß ich allerdings nicht – irgendwie erscheinen mir meine Arme in Momenten der Schwäche doch als nicht ausreichend tragfähig.

Dafür führte die Hebamme jedoch einige andere Geburtspositionen vor und gab den Männern Anleitung wie sie während der Wehen Hilfestellung geben können; z.B.

  • auf dem Sitzball: Während die Frau vorgebeugt auf dem Ball sitzt, können sie stabilisieren und den Rücken massieren; in den Ruhepausen kann sich die Frau dann an den hinter ihr sitzenden Mann anlehnen.
  • im Stehen: Während die Frau sich während der Wehe an den Bettrahmen, eine Laufschiene o.ä. festhält und leicht in die Knie geht, sitzt sie auf dem Oberschenkel des Manner, der ihr gleichzeitig den unteren Rücken massiert.

Ansonsten lautete der wichtigste Ratschlag, auf die Hebamme zu hören: „Wenn wir Ihnen sagen, dass Sie noch mal aufstehen und zur Toilette gehen sollen, ist das keine Beschäftigungstherapie. Wir denken uns da schon was bei!“

Die Gebärbadewanne

Die Gebärbadewanne befindet sich in diesem Krankenhaus in einem separaten Raum, und während es zwei Kreißsäle (für insgesamt 700 Geburten im Jahr) gibt, gibt es nur eine Wanne. Bei den schwangeren Besucherinnen führte das zu einer leichten Panik à la „Muss ich dann ’ne Nummer ziehen?!“, aber die Hebamme entgegnete nur ruhig, dass die Geburten ja nicht ständig zeitgleich stattfänden. Tatsächlich waren an unserem Besichtigungstag bereits drei Babys geboren – und bei der Besichtigung waren beide Kreißsäle dennoch leer.

Zurück zur Badewanne: Ihre Nutzung zur Entspannung oder auch Geburt wird vom Personal während der Geburt angeboten. Man muss sich also nicht vorher fest für eine Wassergeburt entscheiden, und das fand ich sehr gut. Einziges Kriterium sind die zehn Minuten Fülldauer: Die sollte die Geburtsdauer schon noch hergeben. Weitere Ausschlusskriterien für eine Wassergeburt bei gemütlichen 37° Grad wären sonst nur eine Hepatitis-Infektion der Mutter oder grünes Fruchtwasser, das beim Kind zu Infektionen führen kann, weil es unter Wasser nicht schnell genug ausgeatmet werden kann.

In der Badewanne wird die Geburt außerdem per kabellosem CTG überwacht. In den Kreißsälen gibt es die Kabel-Variante, „aber wenn alles in Ordnung ist, machen wir Sie auch eine halbe Stunde los, damit Sie laufen können.“ Das hat mir persönlich sehr gut gefallen, denn es vermittelte mir auch von Krankenhausseite ein Vertrauen in die Sicherheit einer natürlichen Geburt: Es muss nicht ständig alles mit Technik kontrolliert werden und das nimmt der Entbindung den fixen Beigeschmack des medizinischen Notfalls.

Das Familienankunftszimmer

Was meine Assoziations-Geister in Sachen Location endgültig vertrieb, waren die Erklärungen zum Geburtsablauf:

  • noch bevor die Nabelschnur durchgeschnitten wird, liegt das Baby auf meiner Brust
  • die Nabelschnur wird erst durchschnitten, wenn die Nachgeburt da ist (ob man die Nabelschnur auspulsieren lassen kann will ich im Vorgespräch fragen)
  • die ersten Untersuchungen und die Aufnahme der ersten Daten (Name, Größe, Gewicht) werden im Kreißsaal vorgenommen
  • unser Baby wird erst nach zwei Stunden angezogen; vorher trägt es nur eine Windel und ein kleines Baumwollmützchen
  • aus dem Kreißsaal geht es nicht direkt auf die Station, sondern zuerst für 2-3 Stunden ins Familienankunftszimmer

Sprich: Wir bekommen Zeit für uns ganz allein. Um zum allerersten Mal zu dritt zu sein. Hautkontakt, Hallosagen, bestimmt auch ein bisschen Weinen, aber auf jeden Fall ganz viel Nähe! Und falls mit mir irgendwas sein sollte, wird der weltbeste und frischgebackene Papa hier mit unserem Fips allein sein, um Haut an Haut Kontakt zu knüpfen. Ich muss sagen, dies ist der Teil, der mir von allen am besten gefällt. Darauf freue ich mich wirklich.

Falls etwas passiert…

Niemand möchte an Komplikationen denken und bis jetzt glaube ich daran, dass mein Körper und unser topfitter Fips gute Signale senden. Dennoch ist es gut zu wissen, dass Gynäkologe, Kinderarzt und Pädiatrie für uns in unmittelbarer Nähe sind.

Die Wochenbettstation

Ich gebe zu: Ab hier war ich nicht mehr ganz so aufmerksam. Zum Einen war es furchtbar heiß (ich bin wirklich dankbar für unser Herbstbaby) und außerdem war mein Kopf bereits randvoll mit all den neuen Informationen. Also gibt’s hier nur, was ich mir merken konnte!

Die Wochenbettstation im Achenbach-Krankenhaus ist klein: Hier gibt es sechs 2-Bett-Zimmer und – je nach Verfügbarkeit – auch Familienzimmer, bei denen Partner bzw. Begleitpersonen gegen Zusatzzahlungen auch über Nacht bleiben können (die Krankenkasse zahlt das leider nicht). Im geburtenstärksten Monat September kann es schon mal sein, dass nicht nur alle normalen Zimmer voll belegt sind, sondern auch die Familienzimmer für den normalen Betrieb geöffnet werden – denn im Gegensatz zu den großen Krankenhäusern wie in Neukölln werden Schwangere hier weder abgewiesen, noch auf dem Gang geparkt.

Die normale Verweildauer nach einer natürlich Geburt beträgt drei Tage, bei einem Kaiserschnitt kann es ein Tag mehr sein (je nach Verlauf). Natürlich kann man auch früher gehen, doch im Krankenhaus findet am dritten Tag auch die U2 statt. Diese kann man bis zum 10. Lebenstag natürlich auch beim Kinderarzt durchführen lassen, aber dann müsste man den Mini komplett eingepackt durch Wind, Wetter und vollbesetzte Wartezimmer schleifen – während es im Krankenhaus einfach nur ein paar Schritte bis zum Untersuchungszimmer sind.

Mission „Krankenhaussuche“ erfolgreich abgeschlossen!

Die letzten Fragen sind beim Vorgespräch im September zu klären, aber die Kreißsaalbesichtigung hat bei mir generell ein gutes Gefühl hinterlassen. Ich fühlte mich persönlich willkommen und die räumlichen Voraussetzungen haben mir genauso gefallen wie die Geburtsmöglichkeiten. Ich denke, ich werde mich in unserem Wahlkrankenhaus wohlfühlen.

Am besten fand ich, dass der absolute Fokus bei der Besichtung auf einer natürlichen Geburt lag und diese nicht als „Mal gucken, ob das klappt“-Ausnahme abgetan wurde. Und genau das war ja meine persönliche größte Kreischsaal-Angst gewesen.

 

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