„Ein bisschen weniger hilft am Ende“: Mit einer Less-Waste-Mama im Gespräch

Das Thema Baby und Müll beschäftigt mich nach wie vor sehr: 400 Jahre, um eine Windel abzubauen? Dazu Cremedosen, Feuchttücher, Schnuller und Fläschchen? Ich suche nach Wegen, um diesen privaten Fips-Müllberg zu verkleinern und bin dabei auf Melanie [Name geändert, deswegen gibt es auch leider kein Foto] gestoßen.

Die Künstlerin ist Mutter von drei Jahre alten Zwillingen, kommt aus Kanada und lebt zu ihrem Bedauern „ohne Garten“ in Berlin: Getreu dem Motto „be excellent to one another“ versucht sie, die Welt für ihre Kinder mithilfe von Stoffwindeln, Second Hand und nachhaltigem Lebensstil ein wenig sauberer zu hinterlassen. In einem Gespräch hat sie mir von ihrem persönlichen Weniger-Müll-Konzept erzählt und auch gleich viele wertvolle Tipps für den Alltag mit Kind mitgeliefert.

Wie bist du dem Zero- bzw. Less-Waste-Prinzip begegnet und wieso hast du dich entschieden, es auszuprobieren?

Ich bin zum größten Teil tatsächlich so aufgewachsen: Meine Oma ist schon sehr bewusst mit dem Thema Sparsamkeit bzw. einem ökonomischen Einkauf und Verbrauch umgegangen. Und letztlich bedeutet Less Waste ja genau das: Es geht nicht nur um weniger Müll, sondern auch um weniger Verschwendung.

Wahrscheinlich haben viele unserer Großeltern bzw. Eltern das aus den Kriegszeiten übernommen, und so habe auch ich auch gelernt, viel zu reparieren statt einfach Neues zu kaufen, oder Dinge selbst zu machen. Zum Beispiel habe ich eine Stofftasche, die mir meine Oma vor vielleicht 25 Jahren genäht hat und die ich heute noch verwende.

möhren-less-waste-bio-regionalAußerdem hat man in den Achtzigern, also in der Zeit, in der ich aufgewachsen bin, sehr viel Wert auf die drei Rs (Reduce, Reuse, Recycle) gelegt: Ich bin auf einer Farm in Kanada großgeworden und die Natur lag uns sehr am Herzen. Zum Beispiel haben wir immer Müll von der Straße aufgelesen, denn es ist nicht nur schädlich für die Umwelt, sondern sieht auch hässlich aus. Aber wenn man sich überall in seiner Umgebung zu Hause fühlt, kümmert man sich mehr darum. Auch in Australien, wo ich später längere Zeit wohnte, ist der Nationale Müllsammeltag „Clean up Australia Day“ ein jährliches Event: Das macht man dann in der Schule oder auch als normaler Bürger, der sich für eine schöne Umwelt engagiert.

Wirklich intensiv beschäftige ich mich mit dem Thema Müll aber erst, nachdem ich vor ein paar Jahren den Plastikmüll unserer WG wegbrachte und kein Platz in der Tonne war, weil sie mit Papier, Sondermüll, Flaschen usw. vollgestopft war und die BSR sie so natürlich nicht abholte. Also fing ich an, über unserem Konsum nachzudenken – und darüber, was ich ändern könnte.

Less Waste mit Kindern ist eine kleine Herausforderung

Wie wirkt sich diese Haltung auf das Leben mit Kindern aus?

Als unsere Zwillinge kamen, fing die Herausforderung erst richtig an. Ich gehöre zu einer der ersten Generationen, die mit Plastikwindeln aufgewachsen ist, und es macht mich krank, dass meine eigenen Windeln immer noch irgendwo auf einer Müllhalde existieren! Daher lag die Entscheidung, Stoffwindeln zu nutzen, leicht. Meinen Mann habe ich zuerst eher mit den finanziellen Vorteilen überzeugt.

Der Less-Waste-Alltag ist mit Kindern natürlich deutlich schwieriger: Durch den großen Kinderwagen und die Notwendigkeit, gleich zwei kleine Chaoten zusammen zu halten, bin ich etwas eingeschränkt in meiner Bewegungsfreiheit. Daher ist der Trip zum anderen Ende von Berlin, um bei Original Unverpackt einzukaufen, eher selten – aber vielleicht wird das besser, wenn die Zwillinge in die Kita kommen.

Ansonsten liebe ich Trödelläden und gehe oft in ein paar kleinere Läden bei uns um die Ecke, wo man Möbel, Kleidung oder Spielzeug aus zweiter Hand und eben vor allem ohne Verpackung kaufen kann.

Welche Pflegeartikel benutzt du für dein Kind?

Wirklich benutzt haben wir die Calendula Creme von Weleda und Bepanthen Wund- und Heilsalbe. Ansonsten habe ich einfach Kokosöl verwendet, wenn mal Hautirritationen auftraten. Diese stark parfümierte Cremes und Reinigungstücher haben wir schnell sein gelassen. Irgendjemand schenkt immer so was, den Geruch beziehungsweise Geschmack wird man nur schwer los.

Statt Feuchttüchern habe ich also immer Stofftücher und Wasser im Wetbag dabei. Zahnpasta und Shampoo werden noch gekauft: Meine Haarseife (von Savion) ist nicht tränenfrei und selbstgemachtes Zahnpasta ist nicht zu empfehlen, wenn die Kinder noch nicht gelernt haben, alles wieder auszuspucken.

Stoffwindeln: Der große Bogen ums große Geschäft

Welche Stoffwindeln kannst du empfehlen bzw. nicht empfehlen?

stoffwindelnVorweg gesagt: Stoffwindeln sind ein bisschen mehr Arbeit. Aber nach einer Weile hat man den Dreh raus, wie man das „große Geschäft“ abpellen kann, ohne es anzufassen… An Stoffwindelmodellen haben wir Verschiedenes ausprobiert:

  • Am Anfang benutzten wir Prefolds von XKKO und dazu Überhosen von Blueberry und Imse Vimse. Diese sahen schön aus, neigten sich aber leider dazu, an dem Saum durchzusickern.
  • Windelvlies habe ich auch probiert. Damit habe ich aber aufgehört, nachdem einen Artikel darüber gelesen hatte, wie sehr die Stadt unter verstopften Abflüssen leidet, die durch Feuchttücher und feuchtes Toilettenpapier entstehen. Da steht nämlich zwar „spülbar“ auf der Packung, aber in der Realität dauert es länger, das wirklich auch abzubauen.
  • Als die Kinder ungefähr 6 Monate alt waren, habe ich ein gebrauchtes Komplett-Set Popolini von einer Freundin gekauft. Man rechnet dabei ca. 6 Windeln pro Kind pro Tag, einen Tag in der Wäsche und einen Tag zum Trocknen. Die Popolini benutzen wir mit Einlagen und Staydry Vlies nach wie vor als Nachtwindeln. Die Popolini-Windeln sind auch gut, aber sie zerfallen schon an den Seiten: Vielleicht durch die tägliche Bewegung, denn die Nachtwindeln sind noch erhalten. Die Popolini Überhose mit Klettverschluss bekommt allerdings zwei Daumen nach oben! Das Staydry Vlies ist auch sehr empfehlenswert: Es ist so etwas wie eine Mikrofaser-Einlage statt des normalen Windelvlies.
  • Was wirklich drei Jahre gehalten hat, waren die TotsBots Bamboozle Stretch und die Stretchy Wrap Überhose. Das Gummiband im Schritt ist bei der Hälfte gerissen, aber das schadet die Funktion nicht. Die Kinder tragen sie sogar gerne (soweit sie das inzwischen mitteilen können.)
  • Zum Sauberwischen verwenden wir Hanf Bum Wipes Waschlappen von Ella’s House und Washable Wipes von Imse Wimse. Diese Waschlappen kann man aber auch selbst herstellen, indem man 12 x 16cm große Flicken aus einem alten T-Shirt oder Pyjama schneidet.

Wer noch mehr über Stoffwindeln wissen will, dem sei übrigens das Hug n Grow empfohlen: In dem ökologisch-alternativen Babyladen habe ich meine Totsbots Windeln bekommen, aber man findet dort neben Spielzeug und allem anderen fürs Kind auch nachhaltige Hygieneprodukte für Frauen (Stoffbinden, MoonCups, stilleinlagen usw.). Sie bieten auch Kurse und Workshops zum Thema Stoffwindeln an, die sehr umfangreich sein sollen.

Woher bekommst du die Möbel, Kleidung, Spielzeug und die anderen Dinge, die für Kinder nötig sind?

Wenn ich etwas brauche, das nicht neu gekauft werden muss – wie zum Beispiel Schuhe, Kleidung, Spielzeug – dann kaufe ich es in dem kleinen Kiezladen „Luna“ in der Waldstraße in Moabit. Manchmal frage ich auch bei Freunden mit älteren Kindern, was sie noch in den Schränken haben: Bisher waren sie immer froh, wieder mehr Platz und auch ein paar Euro mehr zu haben, und ein paar Euro mehr.

Beim Essen kaufe ich so viel wie nur geht in der Markthalle: Hier gibt es weniger Verpackung (vor allem keine Hartplastikschalen). Viele Verkäufer verzichten auch bereitwillig auf Verpackung, füllen Behälter wie leere Eierkartons wieder auf etc. Das ist bei Edeka und Co. nicht immer möglich.

Was bedeutet „besser leben“ wirklich?

Was unterscheidet deinen Less-Waste-Alltag sonst von dem „normalen“ Leben?

Für mich wäre es schwer, mir vorzustellen, dass ich anders lebe – aber ich will anderen auch keine falsche Vorstellungen unterstellen. Ich bin in einer Zeit groß geworden, in der immer mehr Bequemlichkeit, Normalverbrauchergourmetkost und Hygienewahn angestrebt wird – von der Fernbedienung bis zu Kaffeepads und eingeschweißten Gurken.

less-waste-körperpflege-bürste-seifeMich beschäftigt sehr, dass wir dadurch zwar „besser“ leben, aber ich frage mich eben auch, ob es das wert ist, wenn wir diese Lebensweise unterstützen und damit die Welt für unsere Kinder kaputtmachen?

Vielleicht ist das die Kriegsmentalität, das ich von Oma gelernt habe: immer sparen-sparen-sparen. Denn ich frage mich auch täglich, ob wir ohne etwas auskommen oder weniger verwenden können, was wir reparieren oder gebraucht bekommen können – und dabei trotzdem ein gesundes, glückliches Leben führen können.

Es ärgert mich auch, dass es besonders in der Stadt nicht möglich ist, wirklich 100%ig nachhaltig zu leben. Aber ich denke, man kann auf jeden Fall ein bisschen machen: ob weniger Fleisch zu essen, weniger Waschmittel zu benutzen, Spülmittel oder Shampoo zu verdünnen, Werbegeschenke in der Apotheke abzulehnen, auf dem Markt einzukaufen oder einfach einen Stoffbeutel zu verwenden statt eine Plastiktüte zu kaufen. All das sollte man nicht unterschätzen, denn es hilft am Ende.

Wie hat Less Waste deinen Blick auf den Alltag und das Leben verändert?

Da ich mehr oder weniger so aufgewachsen bin, hat sich für mich gefühlt nicht sehr viel verändert. Heutzutage kann man besonders mit Hilfe des Internets zig Ideen sammeln, wie man am besten Müll vermeidet.

Den Zero-Waste-Lebensstil schaffe ich allerdings nicht: Denn wenn man mit anderen lebt, für die das Konzept nicht so wichtig ist, oder man nicht immer dort einkaufen kann, wo es am wenigsten Verpackung gibt, wird es schwierig. Ich gebe mir aber Mühe und teile auch meine Begeisterung, wenn ich ein offenes Ohr finde. Ich hoffe, das reicht erst mal.

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