Gebären in der Leistungsgesellschaft – will ich das?

Ich sage immer, dass ich keine Angst vor der Geburt* habe. Immerhin sind wir Millionen Menschen auf der Welt, und wenn Geburt ein so furchtbare und nur mithilfe von medizinischer Intervention zu bewältigender Katastrophenfall wäre, gäbe es uns wohl längst nicht mehr. Ich glaube nicht, dass meine Geburt ein Spaziergang mit Picknick wird, aber ich glaube fest daran, dass es ein positives Ereignis sein kann.

Mein ‚Projektplan‘ Zur positiven Geburt

Wenn ich möchte, dass etwas reibungslos und erfolgreich abläuft, lege ich mir im Kopf einen Plan zurecht: Wenn ich einen Roman schreiben will, plane ich die Handlung, reduziere soziale Ablenkungen auf ein Minimum und stehe nicht eher vom Schreibtisch auf, bis auch die letzte Korrekturrunde erledigt ist. Wenn ich eine schöne Hochzeit feiern will, mache ich eine Checkliste mit allen wichtigen Punkten von Kleid bis Menüfolge und arbeite das Ganze gewissenhaft ab. Anders gesagt: Obwohl ich kein klassischer Karrieremensch bin, erledige ich Dinge in der Regel erfolgsorientiert und leistungsbewusst, meist mit dem Kopf und selten mit dem Bauch.

Für die Geburt (dieses völlig bauchferne Ereignis!) plante ich Entspannung, Ruhe und Problemlosigkeit. Entsprechend sah meine Vorbereitung bis zum Babykurs bei der Hebamme wie folgt aus: im Vorfeld nicht irre machen lassen, mögliche Zukunftsängste im Voraus klären und den Schmerz mit einem freien Kopf und dem Ziel vor Augen bewusst verarbeiten.

Das würde ich doch schaffen! Vor Schmerzen habe ich nämlich keine Angst. Schließlich habe ich mich an ein paar wirklich miesen Stellen fast ohne einen Pieps tätowieren lassen und diesmal würde ich eben nicht nur mir, sondern auch dem weltbesten Ehemann blaue Flecke in die Arme kneifen müssen, wenn es nicht anders ginge. Außerdem hatte ich ein Buch über Hypnobirthing bestellt und das würde mir schon erklären, was ich wann zu beachten hätte. Keine Angst vor Schmerz – kein Problem bei der Geburt: Selbstkontrolle ist schließlich alles!

Lacht ihr schon, ihr gestandenen Mamas?

Wenn ihr lacht, habt ihr wohl recht. Denn ihr wisst längst etwas, was erst durch die Anekdoten der Hebamme im Geburtsvorbereitungskurs in mein Bewusstsein drang: Besonderer Auslöser war die Geschichte einer Karrierefrau im Seidennegligé, die vor lauter Selbstdisziplin und Selbstverhaftung nicht in der Lage war, ihre Wehen zu veratmen und sich so selbst den Geburtsvorgang blockierte: Das hätte auch ich sein können.

Ich hätte vielleicht kein champagnerfarbenes Hemdchen getragen, aber ihre Atmung – flaches, möglichst geräuschloses Nicht-Keuchen durch die Nase – war genau das, was ich bei meinen Tätowierungen praktiziert habe. Ich habe den Schmerz in mich hineingezwungen, statt ihn rauszulassen. Und so habe ich es immer und bei allem gehandhabt: Ich lasse die Dinge in mich hinein, aber praktisch nie (und wenn, dann nur sehr verhalten) wieder hinaus. Cool as a cucumber nannte das mal ein Kollege.

Die Geschichte der Negligé-Frau verursachte eine plötzliche Erkenntnis (inklusive nachfolgender Panikattacke): Vielleicht sind mein Leistungsbewusstsein und der Selbstkontrollzwang nicht die beste Methode, auf natürlichem und positivem Wege ein Kind zu kriegen. Vielleicht gibt es da vielmehr Dinge, die ich mit meinen gewohnten Mitteln nicht beeinflussen kann. Vielleicht funktionieren meine Mechanismen da einfach nicht!

Tattoos und Leistungsbewusstsein

Bei Tattoos sind Kontrolle und Zielfixierung durchaus eine gute Idee: Schließlich rächte sich jedes Zucken als lebenslange Hässlichkeit, und schreiend im Kreis rennen bringt einen dem Ergebnis kein Stückchen näher. Selbstkontrolle dagegen wirkt. So habe ich insgesamt acht Bilder in die Haut bekommen, und in Kombination mit meinem ausgeprägten inneren Leistungsdruck sind außerdem bald zwei Romane, drei Kindergeschichten und eine weitere halbe Tonne Text diverser Art entstanden. Das Leistungskonzept schien also bisher nicht das schlechteste zu sein. Überdies war es mir seit meiner Kindheit quasi in Fleisch und Blut übergegangen.

Doch nach allem, was ich nun Stück für Stück erfahre, ist eine Geburt etwas anders geartet. Nicht Kontrolle bringt einen hier weiter – sondern Loslassen. Nicht Leistung – sondern Vertrauen. Nicht Egozentrismus – sondern Öffnung.

Als ich mit meinen Gedanken soweit gekommen war, hätte ich heulen können. Mitten im Babykurs. Und das lag nicht (nur) an den Schwangerschaftshormonen, die jede Emotion zehnfach verstärkt in mich einsickern lassen. Ich bekam Angst. Denn mein bisher gültiges Weltbild wurde mit ein paar Anekdoten vollkommen umgedreht. Oder wurde es in diesem Moment erst vom Kopf auf die Beine gestellt?

Sending you love and good vibes only. ❤ Quote by @januaryharshe. ✨

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Mein Lebenskonzept taugt nicht für eine Geburt

Ich wusste es nicht. Ich wusste nur: So, wie ich bisher gelebt habe, werde ich vermutlich nicht gebären können. Denn die Frage ist nicht mehr, was ich will. Die Frage ist nicht, wie ich normalerweise an Aufgaben herangehe. Leistung ist nicht länger die Antwort – auch Kontrolle ist es nicht mehr. Die Frage ist vielmehr, was die Natur als sinnvoll erachtet. Und die Antwort ist das, was sie seit Jahrtausenden erfolgreich praktiziert: Öffnen, loslassen und zulassen, was zu stark für mich allein ist.

Ich weiß nicht, was auf mich zukommt. Ich weiß nicht, wie groß meine Überraschung, meine Angst, meine Sorgen, mein Weißnichtwas wirklich sein wird, wenn es soweit ist. Ich weiß auch nicht, ob Schreien und Brüllen und um mich schlagen inklusive ist (für meine Mutter und auch meine Oma war es das nicht). Ich weiß nicht mal, ob Schmerz dazugehört (das Hypnobirthing-Buch sagt nein)

Aber bei einem bin ich mir sicher: Schmerz wegzudrücken gehört sicher nicht dazu. Genausowenig wie mein inneres IchMuss-IchMuss-IchMuss. Ich muss keine vorbildliche, bilderbuchmäßig relaxte, tonlose Drei-Stunden-Geburt haben und hinterher die strahlend entspannte Sonnenschein-Mami sein. Denn niemand verlangt das von mir.

Außer mir selbst.

Ein neuer Anfang per To-Do-List?

Im hintersten Eckchen meines Selbst hocken immer noch Vernunft und Verstand beeinander, die Beißen, Treten und Schimpfworte als absolute No-Gos in den einbruchsicheren Waffenschrank der Emotionen verbannt haben.

Ja, ich wünsche mir immer noch, eine positive Geburt zu erleben und währenddessen ich selbst zu sein: halbwegs entspannt, in mir ruhend und ein gutes Ende aller Anstrengung vor Augen. Und das Ganze nicht allein durch innere Einstellung und gute Planung beeinflussen zu können, macht mich nach wie vor unruhig.

Denn da spricht wieder der Leistungsmensch in mir. Aber ist der überhaupt jemals wirklich still in unserer Gesellschaft, die nicht nur Karriere, sondern auch das einfache Leben, Selbstfindung und Freizeitaktivitäten als professionelle Projekte betrachtet? Doch damit bin ich wieder am Anfang. Ich möchte aufhören, meine Geburt aus der Projektperspektive zu betrachten, und das einzige, was mir dazu einfällt, ist die nächste To-Do-Liste:

  • Ich muss lernen, lauthals Haaa-haaaa und hechelnd Ft-ft-ft zu atmen.
  • Ich muss lernen, Dinge nicht nur perfekt erledigen zu wollen (Mittel zum Zweck: laut singen und Textunsicherheiten einfach mit Lalala kaschieren).
  • Ich muss lernen, mich selbst loszulassen.

Der letzte Punkt ist dabei mein Favorit auf der Liste: Ich muss loslassen. Müssen und Entspannung in einem Satz? Das erinnert von der Logik her doch ein wenig an „Dunkel war’s, der Mond schien helle“.

Immerhin bin ich soweit, an dieser Stelle mit einem Lächeln im Gesicht über mich selbst den Kopf zu schütteln. Und tatsächlich singe ich seit ein paar Tagen im Auto. Laut, ziemlich schief und mit viel Lalala (Fips scheint es zu gefallen). Ich übe auch, beim Atmen meinen Kiefer debil zu entspannen und Haa-haaa-Laute zu produzieren. Sogar Ft-ft-ft mache ich. Und soll ich was sagen? Es macht irgendwie Spaß. Ich muss viel über mich lachen.

Ganz abgesehen davon werde ich in ein paar Monaten vermutlich Vollzeit mit komische-Geräusche-machen und Grimassenschneiden beschäftigt sein. Und wer weiß, wer ich dann sein werde! Es braucht nicht die perfekte Sonnenschein-pur-Mama zu sein: Ich selbst mit ein bisschen mehr Scheiß-drauf-Mentalität, das wäre vielleicht gut.

* Wenn ich in diesem Beitrag (und generell, soweit nicht anders definiert) von „Geburt“ schreibe, spreche ich von Entbindungen ohne Komplikationen. Ich spreche NICHT und in keinem Fall von Situationen, die das Leben oder Wohlergehen von Mutter und/oder Kind bedrohen.

2 Gedanken zu “Gebären in der Leistungsgesellschaft – will ich das?

  1. dreamsharingblog schreibt:

    Ach wie immer toll geschrieben! Schwäche kann eine Stärke sein. Das gilt nicht nur für die Geburt des eigenen Kindes. Ich hatte keine schöne Schwangerschaft, aber eine, meiner Meinung nach, Traumgeburt. Die schlimmsten Schmerzen meines Lebens, ohne dich mit meinem Kommentar schocken zu wollen! Aber trotzdem ging alles sehr leicht, weil ich von Haus aus ein Mensch bin, der tut, was ihm guttut ohne Rücksicht auf Verluste. Ich habe mich während der Entbindung so hingelegt wie ICH das wollte, auch wenn die Hebamme mir tausend Mal gesagt hat ich solle meine Position verändern. Die meiste Zeit meines Lebens handle ich nach meinem Bauchgefühl. Das hat mir bisher zwar gerade beruflich viele Probleme eingebracht, aber bei Geburt und Kindererziehung ist das in eine „höhere“ Macht vertrauen können wirklich von Vorteil 😅.

    Gefällt 1 Person

    • Sabine Wirsching schreibt:

      Vielen Dank für das Kompliment und deinen schönen Kommentar! Wer soll denn auch besser wissen, was in diesen Momenten nötig ist – außer einem selbst? Wenn man dann nicht aufs Bauchgefühl hört, wann denn sonst?! Ich hoffe wirklich sehr, dass ich das dann auch kann und mir alles andere einfach egal ist 🙂 Denn das kann ich sonst nur schwer abstellen.

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