Das schönste Geschenk: Mein dritter Brief an Fips

Liebster Fips,

du wiegst noch nicht mal ein Pfund und bis du auf die Welt kommst, dauert es noch ganze vier Monate. Und trotz deiner Winzigkeit hast du mir jetzt schon ein riesengroßes Geschenk gemacht: nämlich Zeit. Zeit und den nötigen Frieden, dieses Geschenk auch zu würdigen.

Zeit, die Zeit zu genießen

Zum ersten Mal seit etwa zwanzig Jahren muss ich nicht arbeiten. Mit vierzehn waren es zwar „nur“ Ferien- und Aushilfsarbeit, aber zum Ausgleich habe ich mit Mitte Zwanzig dann gleich drei Jobs gleichzeitig gerockt. Ich hatte immer Pläne, hatte immer irgendwelche Projekte, wollte immer irgendwohin. In den letzten sieben Jahren waren das immer schöne Dinge, an denen mein Herz hing. Der erste Roman, ein kompletter Berufswechsel, der Quereinstieg als Musikjournalistin – ich hab immer irgendwas in der Pipeline gehabt, was mich meist zu 100% ausgefüllt hat.

Jetzt habe ich zum ersten Mal frei. Dank Beschäftigungsverbot, Mutterschutz und nachfolgender Elternzeit werde ich insgesamt siebzehn Monate weg vom Fenster sein. Und statt die arbeitsfreie Zeit wie vor der Schwangerschaft vollständig mit anderen Projekten zu füllen (Urlaub habe ich jahrelang nur gemacht, um Zeit für die andere „Arbeit“ haben zu können), fordert mein Körper jetzt unerbittlich Pausen, Mittagsschlaf und Ruhemomente. Den ganzen Tag durchpowern, Highlife oder auch nur schnelles Gehen ist nicht drin. Aber was soll ich sagen? Es ist zauberhaft!!

Probleme? Bitte woanders anstellen

Ruhestörungen haben dabei wenig Chancen. Sobald mein Körper jetzt auf Ruhebedarf umstellt, gehen mir die Lichter aus wie bei einem Kleinkind. Aufnahmefähigkeit? Null. Konzentration? Niente. Ich kriege höchstens schlechte Laune. Und dann fallen mir die Augen zu und ich bin weg.

Schlaf ist eine Art, Probleme zu vermeiden. Aber außerdem habe ich das Gefühl, dass ich körpereigene Ohrenklappen entwickelt habe: Dinge, die mich früher wütend gemacht haben, schiebe ich seit einigen Wochen bewusst von mir. Und Menschen, die nur Negatives über mir ausschütten wollen, meide ich aktiv. Statt mir alles anzuhören und alles an mich ranzulassen, trete ich automatisch einen Schritt zurück.

Es ist als wenn sich ein Filter vor alles schiebt, was dir, mein Fips, nicht guttun könnte. Vor Klimawandel, Bildungspolitik, Konsumverhalten und Leistungsdruck kann ich dich nicht beschützen, wenn du erst auf der Welt bist – aber vorher wenigstens kann ich dir eine relaxte Mama schenken, damit du ebenfalls entspannt wachsen und Seelenfrieden auf Vorrat sammeln kannst.

Der innere Frieden

Ich erinnere mich nicht, wann ich in meinem Leben jemals so lange so ausgeglichen gewesen bin, mein Fips. Der weltbeste Papa kommentierte gestern: „Ich kann’s dir genau sagen: noch nie. Ich war noch nie so zuhause und in Sicherheit.“ Und er hat Recht. Ich war immer auf der Suche. Nach dem besten Weg, nach neuen Wegen, nach mir selbst. Das hat jetzt irgendwie aufgehört.

Ich kann einfach sein. Das Rennen ist vorbei. Jetzt liege ich auf dem Sofa und habe Zeit, dir einfach beim Wachsen nachzuspüren. Ich lerne deine kleinen Tritte, die großen Püffe und die seitlichen Rumser zu unterscheiden; ich sehe die Bäume im Hinterhof blühen und die Wolken über den Himmel ziehen, und ich bin im Frieden mit mir.

Ich verlange keine Perfektion mehr. Perfektion gibt es nicht: Weder in Beziehungen, noch im Selbstbild oder im Beruf. Fehler und ihre Gründe zu erkennen (wann auch immer) und zu versuchen, sie nicht zu wiederholen, ist das Höchste, was ich in diesem Leben erreichen kann. Und ich wünsche mir, dass ich das auch auf uns anwenden kann, mein Fips. Ich will keine perfekte Mutter sein – aber die Beste für dich. Du musst nicht perfekt sein – denn der Beste für uns bist du längst.

Ich habe dich jetzt schon lieb.
Deine Mama

2 Gedanken zu “Das schönste Geschenk: Mein dritter Brief an Fips

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